„Die Lösung“ oder die Frage nach dem Fressen und der Moral

Wäre die Situation zur Diskussion um die Zukunft der Meesmannstrasse – und damit auch um die Zukunft des Gerberviertels – nicht eine so traurige, entmutigende und mittlerweile doppelbödige, hätte Bert Brecht gewiss Freunde an diesen lokalpolitischen Ränkespielen gehabt. Als die Machthaber in Ost-Berlin nach den Demonstrationen am 17. Juni 1953 auf die wenig originelle Idee kamen, den Aufstand als faschistischen Putschversuch, dessen Schmach sich nur durch noch größere Anstrengungen der Arbeiter beseitigen ließe, umzuetikettieren, fühlte sich Brecht noch in demselben Jahr zu der lyrischen Reflexion unter dem Titel „Die Lösung“ veranlasst. Hier kommt er – nachdem das Volk das Vertrauen der Machthaber verscherzt habe – zu der logischen Schlussfrage: „Wäre es da nicht einfacher, die Regierung löste das Volk auf und wählte ein anderes?” Genauso kommt es mir vor, wenn ich höre, dass ein Gutachten zur Verlagerung eines Vollversorgers aus der Meesmannstrasse ins Gerberviertel vorliegt, aber nicht veröffentlicht wird, sondern Nachbefragungen stattfinden, die offensichtlich so lange durchgeführt werden, bis das Ergebnis „stimmt“.
„Stimmt“ im Sinne jener Personen, die diese Verlagerung aus eigennützigen Gründen wünschen und immer wieder gegen den Willen einer Mehrheit der Herbeder Bevölkerung und der Geschäftsleute durchzudrücken versuchen, allen voran der Vollversoger selbst – pikanterweise in Personalunion mit dem Werbegemeinschaftsvorsitz – und ein Architekturbüro, dessen Referenzen sich häufig beim Bauherrn DIAG Verwaltungs-GmbH (vgl. Image, Heft 6/2011) finden, die wiederum nicht selten für den Bau von EDEKA-Vollsortimentern verantwortlich zeichnen; Honi soit qui mal y pense! Warum kann nicht akzeptiert werden, dass der mehrheitliche Bürgerwille ein ganz anderer ist? Ein Bürgerbegehren mit anschließenden workshops belegten dies bereits im Jahr 2004! Statt dessen wird das derzeitige Moratorium genutzt, die alten Ideen – mit vermeintlich besten Absichten nett verpackt – durch die Hintertür wieder vorzubringen und die durch eine desaströse Haushaltslage zur Lethargie und Opportunismus neigende politische Hautevolee mürbe zu machen. Wenn die einen die Bürger (voll-) versorgen möchten, die anderen den Bürgern dienen sollen (zumindest sind sie mal aus diesem Grund gewählt worden), drängt sich mir die Frage auf, warum der Bürgerwille dann nichts zählt!? Oder anders gefragt: Wäre es nicht wirklich einfacher, die Bürger neu zu wählen, so lange ihr Wille nicht mit dem der Gerberviertel-Befürworter übereinstimmt?

Ich könnte und würde mich als Herbeder Neubürger auch noch mit einer Verlagerung des Vollsortimenters auseinandersetzen, wenn a) ein fundiertes Gutachten vorliegen , b) eine Bürgerbefragung ein anderes Ergebnis bringen, c) historische Bausubstanz nicht zerstört und d) von den Befürwortern mit offenen Karten gespielt würde, aber nicht eine dieser Prämissen ist gegeben!

Es liegt auf der Hand, dass ein neuer Supermarkt jenseits der Wittener Str. Kunden und Umsätze aus dem Zentrum ziehen und den derzeitigen Trend zu Geschäftsaufgaben verstärken wird. Die momentane Lage in der Meesmannstrasse ergibt sich (noch) aus einer geglückten Ausgewogenheit von Angebot und Nachfrage bei der Grundversorgung. Wichtig für eine kundenorientierte Zukunft des Zentrums an der Meesmannstrasse ist daher die Sicherung des Bestandes, das Ausschöpfen bestehender und Weiterentwickeln neuer Möglichkeiten (z.B. durch Nutzung freier Flächen) und vor allem ein massiveres Bekenntnis der Gewerbetreibenden für das Zentrum; wenn ich das Unverständnis, das sich in vielen Leserbriefen und Kommentaren gegen eine Fehlentwicklung im Gerberviertel niederschlägt, richtig interpretiere, wäre den Geschäftsleuten im Zentrum eine moralische Unterstützung durch sehr viele Kunden gewiss.

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Lamy Tintenroller

Es sollte viel intensiver über die Nutzung von Potenzialflächen im und in unmittelbarer Nähe des gut ausgestatteten Stadtteilzentrums Meesmannstrasse nachgedacht werden, ebenso über die zukünftige Funktion und Nutzung der Gerberschule. Mit nicht gesicherten Prestigeprojekten kann man den maroden Haushalt der Stadt nicht sanieren, langfristig wird der Infrastruktur des Stadtteils Herbede aber enormer Schaden zugefügt. Auch hierzu kann man Brecht zitieren: „Erst kommt das Fressen, dann die Moral“ oder mit anderen Worten: erst der Kommerz, dann der Verstand. Wenn die Gerberschule abgerissen wird und dort ein Neubau für einen Lebensmittelmarkt mit dem Charme uniformer Tankstellen aus den frühen 80er Jahren entsteht, verliert Herbede, das durch die unmittelbare Anbindung an das Ruhrtal und den Kemnader See auch verstärkt in den Bereichen Freizeit und Tourismus an Bedeutung gewinnt, seinen kleinstädtischen, romantischen Charakter bereits am Ortseingang und wird über kurz oder lang zu einem kontur- und gesichtslosen Vorort, dessen Tradition ohne Not dem Kommerz geopfert wurde. Dies würde zu einem Verlust auf allen Seiten führen: irreparabler Imageverlust für Herbede, bodenloser Glaubwürdigkeitsverlust für die Politik, Kaufkraftverlust für die Gewerbetreibenden auf der Meesamnnstraße und Kulturverlust für alle Herbeder! Möge im Fall des Gerberviertels beispielgebend erst die „Moral“ kommen, „Fressen“ allein macht bekanntlich auch nicht glücklich.

M. Schütte

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