Die Prokoner oder der “Briefkasten für Gott”

Wäre Prokon nicht in den Verdacht geraten, das Firmenkonzept mittels eines Schneeballsystems zu entwickeln, wäre vermutlich kaum aufgefallen, dass es vielen Anlegern nicht nur um den persönlichen Profit geht. Bisher sind es etwa 2.600 Genussrechtsinhaber, die sich schützend vor den Gründer und alleinigen Gesellschafter der Prokon-Gruppe, Carsten Rodbertus, stellen.

Sie loben seine Bescheidenheit und seine Ideen, und sie sind fest überzeugt, Teil einer neuen Bewegung zu sein, die der Kernenergie den Garaus und kleine Genussrechtsinhaber zu Eigentümern macht: “De fakto gehört Prokon uns, den GRI, denn keine weiteren Personen oder Banken haben bei nur noch marginalen Bankschulden Zugriff auf unser Unternehmen.”

In einem Rundschreiben war den Genussrechtsinhabern in der Nacht vom 10. Januar 2014 auf den 11. Januar 2014 öffentlich mitgeteilt worden, dass Prokon akute Liquiditätssschwierigkeiten habe, da “aufgrund der seit Monaten andauernden Medienkampagne gegen PROKON nach wie vor zahlreiche Anleger aus Angst vor einem Verlust ihres angelegten Geldes ihre Genussrechte kündigen“.  Prokon bittet die Anleger, das Kapital nicht zurückzuziehen, sondern es im Unternehmen zu belassen, erfolgte Kündigungen zurückzuziehen, nur berechtigt zu kündigen und keine Gründe vorzuschieben und die Genussrechte sogar zu erhöhen. Schuld an der Lage seien “Heuschrecken und Energiekonzerne”, die sich “für wenig Geld ein Vorzeigeunternehmen mit im Kapitalmarkt einmaliger, fairer Philosophie unter den Nagel reißen” wollen. Diese Sichtweise wird von vielen Genussrechtsinhabern geteilt.

 

Die Freunde von Prokon

Gegen die Medien, Heuschrecken und Energiekonzerne gründeten Genussrechtsinhaber Ende Dezember 2013 eine Interessengemeinschaft, die sich “Freunde von Prokon” nennt, und schufen zugleich auch eine eigene Homepage “Freunde von Prokon“. Die Genussrechtsinhaber wollen dafür  sorgen, “dass das Modell Prokon sich prächtig weiter entfaltet” und alle unterschiedlichen Denkweisen unterstützen, sofern sie für Prokon nützlich sind und der Philosophie von Prokon nicht entgegenstehen”. “Als Gemeinschaft argumentieren wir streng sachlich und vermeiden negative Emotionen, die nur Trennung in unseren Kreis bringen würden.”  (“Unsere Philosophie”) Sie nennen sich selbst “Prokoner“.

Es wäre zu kurz gedacht, würde man den Prokonern unterstellen, sie hätten sich von den Aussichten auf eine hohe Rendite blenden lassen. In einer Stellungnahme vom 7.1.2014 erklärten die “Freunde von Prokon” zu der derzeitigen Lage des Unternehmens: “Wir setzen unser Geld nicht nur zum persönlichen Vorteil ein, sondern für ein Gemeinschaftsinteresse. Aber wir geben es dafür nicht aus der Hand wie beim Spenden für gemeinnützige Projekte. Wir, die wir zu Prokon stehen, ordnen unser Eigeninteresse an Verzinsung unserem Gemeinschaftsinteresse an einem sozialen und ökologischen Unternehmen unter, jedoch ohne das Eigeninteresse aus den Augen zu verlieren.”

Im Widerstreit zwischen vernünftigem, wirtschaftlichen Handeln und Weltanschauung realisieren die Prokoner nicht, dass ihnen nicht mehr gehört, als die Idee einer Zukunft mit Erneuerbaren Energien. Ihr Eigeninteresse ist nicht von dieser Welt. Sie haben keinerlei Mitspracherecht im Unternehmen und können ihr Kapital verlieren, wenn es dem Unternehmen schlecht geht. Im Falle einer Insolvenz werden ihre Ansprüche erst nach denen anderer Gläubiger wie Banken, Mitarbeiter, Lieferanten bedient. Das ist ihnen entweder nicht bewusst, oder sie nehmen es wegen eines höheren Zieles in Kauf. Sollte die Firma scheitern, wäre dies aus ihrer Sicht auf die Neider und treulose Genussrechtsinhaber zurückzuführen, die Prokon in Scharen verlassen und ihr Geld zurückfordern, niemals auf den Kopf des Unternehmens, der so unangreifbar scheint wie ein Guru.

Kritiker des Unternehmens meinen, dass Prokon die Zinsen nicht aus den laufenden Erträgen erwirtschaft sein könne, sondern immer neue Anleger und damit Einlagen erforderlich seien, um die Zinsen zahlen zu können – ein klassisches Schneeballsystem. Kommentare auf der Freundesseite zu dem Titel “Prokon wird transparenter” zeigen, dass die Prokon-Freunde gegenüber derartigen Vorwürfen immun sind:

  • “Ob das Geld nun von den Anlegern die neu investieren oder direkt aus den Geschaeftseinnahmen kommt ist dabei wurscht – es fliest Geld rein und es fliesst Geld raus. Also ist die Geschichte mit dem Schneeballsystem quatsch…” .

Zwei weitere Kommentare lassen ahnen, dass Kritiker von Prokon gar nicht an der Geschäftspraxis des Unternehmens, sondern an ein Weltbild rütteln,

  • “Ich bin 32 Jahre, glaube an PROKON und werde daher meine Genussrechte nicht kündigen, sondern erhöhen.”
  • “Es ist ein Kampf David gegen Goliath, Ich hoffe, die Anleger bleiben stark und mutig und stehen weiterhin zu Prokon, ich tue es auch, weil es der einzige verantwortungsvolle Weg ist in die Zukunft!”

 

“Briefkasten für Gott”

Klaus Wethmar ist einer der Mitgründer der Freunde von Prokon. Er hat 2008 am Prozessionsweg einen „Briefkasten für Gott“ aufgestellt, der zwar einen Briefschlitz hat, aber keine Leerungsmöglichkeit, berichtet die Münstersche Zeitung. In der Bücherei veranstalte Wethmar Erzählstunden mit selbst geschriebenen Geschichten zu naturbezogenen Themen. Vor seiner Pensionierung sei er im Außendienst tätig gewesen, sich selbst bezeichne er als “Baumfreund, Hobby-Forstwirt und Läufer”.

Nach Wethmars Überzeugung ist die Verteilung der Reichtümer auf der Welt ungerecht. “Unser System ist darauf angelegt, diesen Zustand zu erhalten. Wir leben zu einem guten Teil auf Kosten der Armen. Wir beuten rücksichtslos unsere Ressourcen aus und leben auf Kosten zukünftiger Generationen.” Auf der Suche nach Möglichkeiten, sein Geld in “sinnvolle, umweltverträgliche und allgemeinnützige Projekte zu investieren”, sei er auf Prokon gestoßen und könne sich “mit der Philosophie von Carsten Rodbertus und seinen Visionen” identifizieren. “Sein Bemühen, die Interessen der Anleger und der Mitarbeiter auf die gleiche Stufe zu stellen wie die des Unternehmens möchte ich unterstützen.” Anfänglich sei er gegenüber der Anlageform „Genussrechte“ skeptisch gewesen. “Das habe ich überwunden und mein Vertrauen hat gesiegt. Als Freund von Prokon möchte ich dazu beitragen, dass das Unternehmen schwierige Phasen meistert und diese vorbildliche Art des Wirtschaftens mit Hilfe vieler „Freunde von Prokon“ Zukunft hat.”

Die “Freunde von Prokon” planen die Veröffentlichung von Kolumnen “zur Förderung eines sozialen und ökologischen Bewusstseins und für einen neuartigen Umgang mit Geld”. („Wir Prokoner“)

Wie tief Wunschvorstellungen auf eine bessere Welt die eigenen wirtschaftlichen Interessen und die kritische Distanz zu Prokon verdrängt haben, fasst der Dortmunder Psychotherapeut Wolfgang Siegel, einer der Mitgründer, zusammen. Er formuliert die Sehnsucht, die offenbar viele Menschen mit dem Unternehmen, insbesondere mit dem alleinigen Inhaber Rodbertus, verknüpft. Prokon gehe neue Wege, “aber Prokon geht es nicht um Profit um jeden Preis und zu Lasten von anderen Menschen und der Umwelt. Hier wird das unvermeidliche Gewinnstreben zum Diener positiver Bedürfnisse: Ausbau der erneuerbaren Energien zum Schutz von Klima und Umwelt sowie bessere soziale Verteilung der erwirtschafteten Gewinne. Deshalb haben Prokon und ihr Besitzer Carsten Rodbertus für mich eine Vorbildfunktion dafür, wie ein Andersleben in der Wirtschaft möglich ist. Ich will nicht, dass die rücksichtslosen Profitmacher, die am offensichtlichsten im Bankwesen, aber nicht nur dort, zu Hause sind, es schaffen, Prokon in die Insolvenz zu treiben.”

Die Briefe, die in den “Briefkasten für Gott” eingeworfen werden, werde kein Mensch lesen, “dafür verbürgt sich Klaus Wethmar“. Die Briefe (Kommentare) der Prokoner liest die ganze Welt und erheitert sich über so viel Gutgläubigkeit, die einen tiefen Blick in die Kräfte erlaubt, die durch den Wahnsinn der Energiewende frei gesetzt wurden.

 

Die grausame Realität

Einer der wenigen kritisch-nüchternen Kommentare bei den “Freunden von Prokon” stammt von Nina S. Unter dem Thread “Prokon wird transparenter” erklärt sie: “Naja, niemand wird behaupten, dass BWL rocket science ist:-) Aber immerhin habe ich theoretisch gelernt: a) was ein Schneeballsystem ist, b) dass eine Verzinsung von 8% entweder unseriös oder hochriskant ist, c) dass man Geld und Herz immer trennen muss. Sie lernen das halt nun praktisch.”

An anderer Stelle wird verlangt, dass der Gesetzgeber etwas tun müsse, um Kleinanleger vor diesem grauen Merkt zu schützen! “Solche spekulativen Anlagen wie Prokon sind für normale Kleinanleger zu riskant!” Schützen wovor? Ein Gesetz kann nicht vor einem Glauben schützen.

Die “taz” zitiert Klaus Boe, ein Unternehmer aus dem Sauerland, der sich 2003 noch als Gesellschafter in einen Windkraftfonds von Prokon einkaufte: “Prokon-Anleger glauben, in Windräder und biogene Kraftstoffe zu investieren … Faktisch wird das Geld mit totalem Verlustrisiko auf Vertrauensbasis an die Prokon-Genussrechte-Firma verliehen, die es in einem kaum durchschaubaren Geflecht anderer Prokon-Firmen weiterverleiht.” Das “Geflecht” zog sich einst über 89 Prokon-Gesellschaften, berichtet die Zeitung am 19.2.2010. Die Gruppe bestehe aus 44 Firmen, die vor allem in den Bereichen Windparks und Biokraftstoffe tätig seien.

Die Vorwürfe gegen den Projektentwickler Rodbertus aus Itzehoe sind scherwiegend: “Die Prokon-Gruppe erwirtschaftet keinen echten Gewinn. Das Geld wird bei Prokon unkontrollierbar hin- und hergeschoben”, sagt Boe. Ihn erinnere diese Geschäftspraxis an den New Yorker Milliardenbetrüger Bernard Madoff, und er halte das Genussschein-Modell im Kern für betrügerisch: “Prokon betreibt ein Schneeballsystem, das in wenigen Jahren komplett crashen und zu einem der größten Skandale der deutschen Windbranche werden könnte.”

 

“Vielleicht stellt sich morgen heraus, dass die Windkraft doch nicht das Nonplusultra ist”

Trotz allem plant Prokon eine massive Expansion. Die Unternehmensgruppe hat bisher weit über eine Milliarde Euro Genussrechtsgelder eingeworben, der Firmenchef Carstens Rodbertus will aber zehnmal so viel Geld von Anlegern einsammeln, wie er der “Welt am Sonntag” 2013 sagte: “Wir haben angekündigt, ein Emissionsprospekt von zehn Milliarden aufzulegen. Der ist bei der BaFin in der Beantragung.” Was mit diesem Geld geplant sei, könne er noch nicht sagen. “Es gibt keine wirkliche Zielvorgabe, wohin es geht.” Es könnten sich technische Veränderungen ergeben. Vielleicht stelle sich morgen heraus, dass die Windkraft “doch nicht das Nonplusultra ist”. ”

Quellen und links:

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