Götterdämmerung im Wendeland

“Götterdämmerung im Wendeland” wurde zuerst am 19.06.2013 in der Schweizer “Weltwoche” veröffentlicht.

Alex Baur

Das deutsche Internet-Publikum wählte überraschend einen Atomreaktor zum Sieger-Projekt des hochkarätigen «Greentec Award». Die Jury änderte darauf die Spielregeln und disqualifizierte den Gewinner. Die Farce steht sinnbildlich für die Irrungen der Energiewende.

Die freudige Nachricht traf per E-Mail ein, am 22. Mai dieses Jahres: «Wir gratulieren Ihnen herzlich zu Ihrer Nominierung und freuen uns, Sie am 30. August in Berlin persönlich [zur feierlichen Gala] begrüssen zu dürfen.» Der Absender: das Organisationskomitee des renommierten Greentec Award. Unter der Schirmherrschaft des deutschen Umweltministers Peter Altmaier, der TV-Sendung «Galileo» (Pro Sieben) und der Zeitschrift Wirtschaftswoche wird der Preis jährlich für herausragende Leistungen im Energie- und Umweltbereich verliehen. Der Adressat: das in Berlin ansässige Institut für Festkörper-Kernphysik. Das Objekt: ein Atomreaktor.

Strom

Umweltschutz durch Kernenergie? Was im angelsächsischen Raum schon lange offen debattiert wird, gilt in Deutschland nach wie vor als Ketzerei. Dabei weist der Dual Fluid Reactor (DFR), den die Forscher aus Berlin präsentieren, eine hervorragende Öko-Bilanz aus. Er soll die Spaltstoffe derart gut nutzen, dass keine langlebigen strahlenden Abfälle mehr übrigbleiben und auch kein waffenfähiges Plutonium. Es wäre sogar möglich, radioaktive Abfälle im DFR gewinnbringend zu verheizen. Zudem verfügt der neue Reaktor über eine sogenannte inhärente Sicherheit. Eine Kernschmelze, wie sie in Fukushima stattgefunden hat, ist physikalisch nicht möglich.

Das alles mag fast zu schön klingen, um wahr zu sein. Tatsächlich baut der DFR auf Technologien, an denen unter dem Titel «Kernkraftwerke der vierten Generation» weltweit schon seit Jahrzehnten geforscht wird. Die deutschen Kernphysiker kombinieren die zum Teil bereits erprobten Technologien neu. Sie setzen dabei nicht zuletzt auf neuartige Werkstoffe, die extrem hohe Temperaturen bewältigen. Dass nur auf Sparflamme an der «grünen» Kerntechnologie geforscht wird, hat politische und ökonomische Gründe. Für die Atommächte fehlt der militärische Nutzen, fossile Brennstoffe sind in Fülle vorhanden, Gas- und Kohlekraftwerke können einfacher, schneller und billiger gebaut werden.

Der Unmut gegen die Energiewende

Zweifellos müsste noch viel Forschungsarbeit in den DFR gesteckt werden. Doch genau darum geht es bei der Sparte «Galileo Wissenspreis», um den sich die Atomphysiker bewarben: die Förderung von wissenschaftlich fundierten Ideen, die erst umgesetzt werden müssen. Der wissenschaftliche Beirat des Awards stufte das Projekt als seriös ein.

Die Spielregeln waren klar: Wer am meisten Stimmen erhält, ist automatisch nominiert; zwei weitere Kandidaten sollte die Jury erküren. Doch nun geschah das Unvorhersehbare: Das Internet-Stimmvolk hievte den Kernreaktor auf Platz eins, und zwar mit grossem Abstand (mit rund einem Drittel mehr Stimmen als der Zweitplatzierte). Damit hatte niemand gerechnet. Die Berliner Kernphysiker sind gleichsam die letzten Mohikaner einer wissenschaftlichen Gilde, die einst an der Weltspitze mitforschte, jedoch regelrecht aus der Bundesrepublik vertrieben wurde. Den DFR entwickeln sie im Verbund mit Universitäten in Polen (Stettin) und Kanada (Vancouver). Im Gegensatz zu ihren «grünen» Konkurrenten verfügen sie weder über staatliche Fördergelder noch über eine Lobby.

Das Publikumsvotum steht symptomatisch für eine sich abzeichnende Götterdämmerung in Deutschland. Während die Politiker ihre Energiewende zusehends mit Durchhalteparolen beschwören, wächst unter den Konsumenten der Unmut über die massiv gestiegenen Strompreise. Die Wirtschaft warnt vor Stromengpässen. Da und dort stellt sich allmählich die Einsicht ein, dass die mit Abermilliarden subventionierten Wind- und Solaranlagen die meiste Zeit gar keinen Strom produzieren, die Netzstabilität belasten und weder Atom- noch Kohlekraftwerke ersetzen.

Am 7. Juni die nächste Überraschung: Die Jury teilte den Kernphysikern in einem knappen E-Mail mit, sie habe beschlossen, den Reaktor vom Wettbewerb «auszunehmen». Das Projekt verschwand sang- und klanglos von der Website des Awards. Empörte Kommentare wurden gelöscht, die Motzer gesperrt. Doch User fanden schnell heraus, dass die Organisatoren des Greentec Award ihre Statuten rückwirkend geändert und die Publikumswahl kurzerhand abgeschafft hatten.

Als sich die Debatte nicht länger unterdrücken liess, verhedderten sich die Organisatoren des Awards in Rechtfertigungsversuchen. So behaupteten sie, das Thema sei mit den «19 000 Toten» von Fukushima definitiv vom Tisch: «Atomkraft in jeglicher Form lehnen wir und unsere Jury kategorisch ab! Eine weitere Diskussion wird es nicht geben!» Diese abstruse Begründung – der nukleare GAU in Japan hat weder Tote noch Verletzte gefordert – wurde zwar bald wieder gelöscht. Doch die Screenshots waren gemacht, und sie besänftigten die Gemüter keineswegs. Die Jury hat den Spitzenplatz für den «Galileo Wissenspreis» nun für ein Projekt nach ihrem Gusto vergeben: Miniwindrädlein in Dachziegeln. Damit ist die grüne Welt wieder in Ordnung.

Über den Autor

Zum Autor:
Alex Baur ist Lokaljournalist, Gerichtsberichterstatter (NZZ), schreibt als Reporter für SonntagsZeitung, Stern (Hamburg) und Geo. Sein Kernthema sind Fragen um Recht und Gerechtigkeit. Eine Mission, sagt er, habe er nie gehabt: “… meine Triebfeder war stets die Neugierde. So wie andere Briefmarken sammeln, sammle ich Geschichten.”

Herzlichen Dank für die Genehmigung zur Veröffentlichung!

Zur Weltwoche:
Die Weltwoche entstand 1933. Seit Mai 2002 liegt ihr Fokus deutlich auf politischem Recherchejournalismus. Das Blatt wird heute von der unabhängigen Weltwoche Verlags AG herausgegeben, die sich zu 100 Prozent im Besitz von Chefredaktor Roger Köppel befindet. Die Weltwoche ist somit die einzige gewichtige Publikation der Schweiz, die vom Chefredaktor auch unternehmerisch geführt wird. Sie vertritt bürgerlich-freiheitliche Grundwerte, ist staatsskeptisch und wirtschaftsfreundlich. Sie steht politisch für eine unabhängige und direktdemokratische Schweiz.
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