Im Schlepptau der Politik

Über wissenschaftlich nicht fundierte Aussagen kann man lachen, so lange sie nicht in die “Beweiskette” politischer Argumentationen gelangen. In der Regel verlassen fragwürdige Beiträge auch kaum den Kreis einiger Diskutanten, bisweilen aber doch, wie dies ein Aufsatz in einem Newsletter der Friedrich-Ebert-Stiftung (FES), Juni 2013, zeigt.

Es geht in dem Beitrag um die vermehrt “fehlende Akzeptanz in der deutschen Bevölkerung gegenüber der Industrie im Allgemeinen und industriellen Großprojekten im Besonderen”, ganz besonders gegenüber der Energiewende. Das Ziel der Autorin ist “die Aufdeckung der Ursachen dieser Proteste. Dies sei die “Voraussetzung, um geeignete Verfahren zur Akzeptanzgewinnung zu entwickeln.” Die Verfasserin des FES-Artikels, Anna-Lena Schönauer, ist Sozialwissenschaftlerin.

Schönauer führt die Ablehnung von Windkraftanlagen in der Bevölkerung im Wesentlichen darauf zurück, dass diese Personen “nach subjektiver Wahrnehmung vom Bau oder Ausbau von Großanlagen negativ betroffen sind”. Um dieses Syndrom zu beschreiben, verwendet sie eine Kategorie, die als “Not-In-My-Back-Yard” (NIMBY) bezeichnet wird und sich als Waffe im Kampf gegen die Argumente von Projektgegnern schon häufig politisch bewährt hat. In dieser Kategorie finden sich nämlich auch alle diejenigen wieder, die grundsätzliche Überlegungen gegen die Zerstörung von Lebensräumen und Landschaften oder die physikalisch begründete Einwände gegen den massiven Ausbau von Windkraftanlagen haben.

 

Effekthascherei

Eine sozialwissenschaftlich fundierte Analyse des Protests würde dem Protest auf den Grund gehen und sich nicht mit Etikettierungen begnügen. Untersuchungen zur Akzeptanz und zu Einstellungen in der Bevölkerung von und zur Industrie liegen derzeit jedoch noch nicht vor, räumt Schönauer selbst ein. Aus den “Erscheinungsformen der Proteste” lassen sich jedoch keine Rückschlüsse auf “geeignete Verfahren zur  Akzeptanzgewinnung” ziehen, aber genau dies suggeriert der Aufsatz.

Schönauer hält sich jedoch nicht an die Darstellung der Erscheinungsformen des Protests, sondern erklärt den Protest. Er sei “Ausdruck eines voranschreitenden Individualisierungsprozesses”. Der “fremdbestimmte Eingriff in die eigene Lebensumwelt durch den Bau von Anlagen oder Einrichtungen wird daher als eine Bedrohung der eigenen Werte und der Autonomie der Bürgerinnen und Bürger wahrgenommen.”

 

Es gibt keine bedingungslose Zustimmung zur Energiewende

Um die Effekthascherei komplett zu machen und der Energiewende die volle Schützenhilfe zu leisten, behauptet Schönauer, die Windenergie werde von der Mehrzahl der Bürgerinnen und Bürger in Deutschland äußerst positiv bewertet, da sie als besonders emissionsarm gelte. Belege für diese Aussagen führt Schönauer nicht an. Umfrageergebnisse zu diesem Thema findet man auch äußerst selten, und wenn, dann zeigen sie, wie beispielsweise diese Sonntagsfrage von 2012, das Gegenteil.

 

Falsche Schlussfolgerungen

Obwohl Schönauer eingesteht, dass sie sich nicht auf Untersuchungen zur Akzeptanz und zu Einstellungen in der Bevölkerung stützt, die im Zusammenhang mit Projekten der Energiewende wie der Netzausbau oder die Errichtung von Windparks stehen, da es diese Untersuchungen noch gar nicht gibt, gibt sie dennoch Handlungsempfehlungen an Politik und Großunternehmen. Besonders erfolgsversprechend scheint ihr zurzeit eine finanzielle Beteiligung der betroffenen Bürgerinnen und Bürger zu sein, “um das Großprojekt Energiewende erfolgreich zu bewältigen.” 

Wenn die Einschätzung der Rahmenbedingungen der Physik für eine erfolgreiche Energiewende falsch ist, Wunsch und Wirklichkeit miteinander vertauscht werden, es gibt beispielsweise keine Großspeicher, um den erzeugten Strom aus Erneuerbaren Energien kontinuierlich in das Stromnetz einspeisen zu können, wenn darüber hinaus die Akzeptanz in der Bevölkerung falsch eingeschätzt wird, können die Empfehlungen unmöglich richtig sein. Die Ratschläge zur Akzeptanz gehören nicht in den Bereich der Wissenschaft, sondern in die Werbeabteilung eines mit allen Mitteln agierenden, sich mit Hilfe von Parteien und Verbänden neu bildenden Industriekomplexes.

In einem offenen Brief setzt sich “Vernunftkraft“, “Bundesinitiative für vernünftige Energiepolitik”, mit der Veröffentlichung des Friedrich-Ebert-Instituts auseinander.

Quellen:

 

Foto: Schristia, “Ropes On The Rocks “, © www.piqs.de
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