Kunsthistoriker kritisieren Zerstörung der Kulturlandschaften durch Energiewende

“Der Verband Deutscher Kunsthistoriker e.V. sieht durch die 2011 be­schlos­sene Energie­­wende und den damit verbundenen Ausbau der erneuerbaren Energien mit neuen Windkraft- und Photovoltaik­anlagen die historischen Kultur­landschaften Deutschlands erheblich bedroht.” Im Greifswalder Appell plädiert der Verband dafür, weitere gravieren­de Beein­trächti­gungen der historischen Kulturlandschaften zu verhindern.

Der Appell des Verbandes Deutscher Kunsthistoriker zeugt vom letzten Rest an Umweltbewusstsein, wie man ihn eigentlich von Parteien, insbesondere von den Grünen, und von den Natur- und Umweltschutzorganisationen erwartet hätte.  Die Zerstörung der Landschaft wird jedoch bewusst vorangetrieben, ist politisch gewollt und von Umweltschützern gebilligt.

Von Umwelt- und Naturschützern fehlt ein Bekenntnis zu identitäts­stiftenden Merkmalen der Landschaft. Der BUND und viele andere versagen vor einer historischen Aufgabe, ducken sich in Demut oder treiben, wie beispielsweise der Bund Naturschutz in Bayern, Kreisgruppe Ansbach, den Ausbau der Windkraftindustrieanlagen sogar noch voran. Die Naturschutzorganisationen haben den Blick für die Natur verloren.

Der Kunsthistoriker-Verband beklagt die Landschaftszerstörung: “Besonders deutlich ist der Landschaftswandel bereits jetzt in Nord­deutschland zu bemer­ken, wo der weite, unverstellte Blick auf den Horizont zu den identitäts­stiftenden Merkmalen der Landschaft zählt. Die Kunsthistoriker sehen, was Umwelt- und Naturschützer nicht sehen wollen, dass mit  dem Bau einer neuen Generation von Windkraft­anlagen be­gonnen wurde, “deren Höhe nicht mehr wie früher um die 60 Meter, sondern bis zu 200 Metern beträgt. Sie werden damit deutlich höher als der Kölner Dom. Solche Anlagen sind in der norddeutschen Tiefebene über viele Kilometer sichtbar. Die Anzahl der Wind­energie­anlagen in Schleswig-Holstein betrug im vergangenen Jahr 185 Anlagen je 1000 Quadratkilometer.”

Der Kunsthistoriker-Verband sieht die Landschaft in Deutschland “in hohem Maße kulturbestimmt”, als eine Kulturlandschaft, die sich in vielen Regionen zu einer Denkmallandschaft verdichtet habe, “deren Erfor­schung, Interpretation und Schutz zu den Kernaufgaben der Kunstgeschichte gehören.” Aus dieser Sicht schöpfen die Kunsthistoriker ihre Legitimation, auf die Zerstörung der Landschaft hinzuweisen. In vielen Landes­teilen sehen sie die Grenze der Belast­barkeit der überlieferten Kulturlandschaft erreicht, manchmal bereits über­schritten. “In Mecklenburg-Vorpommern waren es im vergangenen Jahr 1419 einzelne Anlagen und damit 62 je 1000 Qua­drat­kilometer. Mit einer weiteren massiven Verdich­tung der Anlagen ist durch die be­schleunigte Umsetzung der Energiewende zu rechnen.”

Der Verband Deutscher Kunsthistoriker plädiert im Greifswalder Appell dafür, die Bedenken von Denkmalpflegern und enga­gierten Bürgern ernst zu nehmen, um weitere gravieren­de Beein­trächti­gungen der historischen Kulturlandschaften zu verhindern.

Greifswalder Appell zur Beachtung der Denkmal­werte in der Landschaft bei der Errichtung neuer Photo­voltaik- und Wind­kraft­anlagen

verabschiedet von der Mitgliederversammlung auf dem 32. Deutschen Kunst­historikertag in Greifswald am 22.03.2013

Bedrohte Kulturlandschaft
Greifswalder Appell zur Beachtung der Denkmalwerte in der Landschaftbei der Errichtung neuer Photovoltaik- und Windkraftanlagen

Die Landschaft in Deutschland ist in hohem Maße kulturbestimmt. In vielen Regionen hat sich die Kultur­landschaft zu einer Denkmallandschaft verdichtet, deren Erfor­schung, Interpretation und Schutz zu den Kernaufgaben der Kunstgeschichte gehören. Der Verband Deutscher Kunsthistoriker e.V. sieht durch die 2011 be­schlos­sene Energie­­wende und den damit verbundenen Ausbau der erneuerbaren Energien mit neuen Windkraft- und Photovoltaik­anlagen die historischen Kultur­landschaften Deutschlands erheblich bedroht. Besonders deutlich ist der Landschaftswandel bereits jetzt in Nord­deutschland zu bemer­ken, wo der weite, unverstellte Blick auf den Horizont zu den identitäts­stiftenden Merkmalen der Landschaft zählt.

Inzwischen wurde mit dem Bau einer neuen Generation von Windkraft­anlagen be­gonnen, deren Höhe nicht mehr wie früher um die 60 Meter, sondern bis zu 200 Metern beträgt. Sie werden damit deutlich höher als der Kölner Dom. Solche Anlagen sind in der norddeutschen Tiefebene über viele Kilometer sichtbar. Die Anzahl der Wind­energie­anlagen in Schleswig-Holstein betrug im vergangenen Jahr 185 Anlagen je 1000 Quadratkilometer. In vielen Landes­teilen sehen wir die Grenze der Belast­barkeit der überlieferten Kulturlandschaft damit erreicht, manchmal bereits über­schritten. In Mecklenburg-Vorpommern waren es im vergangenen Jahr 1419 einzelne Anlagen und damit 62 je 1000 Qua­drat­kilometer. Mit einer weiteren massiven Verdich­tung der Anlagen ist durch die be­schleunigte Umsetzung der Energiewende zu rechnen.

Zehntausende Denkmale werden im gesamten Bundesgebiet durch die Errichtung neuer Photovoltaik- und Windkraftanlagen in ihrem Wirkungsraum beeinträchtigt. Um nur ein einziges Bei­spiel zu nennen: Bereits heute ist die Silhouettenwirkung der Stadt Prenzlau in der Uckermark durch die um­liegenden Windkraftanlagen nachhaltig gestört. Ausgerechnet hier, wo der berühmte, weithin sichtbare Schau­giebel und die Türme der Marienkirche das Stadtbild seit Jahr­hunderten prägen, werden die histo­risch gewachsenen Dimensionen durch Windkraftanlagen an der Stadtperipherie ignoriert. Diese Nutz­bauten erreichen die Höhe der stadtbildprägenden historischen Denkmäler, ja übertreffen sie an manchen Stellen. Dass damit eine massive Beein­trächtigung von Denkmalwerten verbunden ist, steht außer Frage. Dem Schweigen sämtlicher politi­scher Parteien zu diesem Problem – auch solcher, denen der Land­schafts- bzw. Kulturlandschafts­schutz ureigenste Sorge sein müsste – setzen wir unsere Stellung­nahme entgegen.

Der Verband Deutscher Kunsthistoriker e.V. wendet sich nicht gegen die Energie­wen­de, plädiert aber dafür, die Bedenken von Denkmalpflegern und enga­gierten Bürgern ernst zu nehmen, um weitere gravieren­de Beein­trächti­gungen der historischen Kulturlandschaften zu verhindern.

Der Verband Deutscher Kunsthistoriker e.V. fordert daher:

  • die grundsätzliche Beachtung der kulturellen Werte als identitätsstiftende Bausteine der Kulturlandschaften in Deutschland,
  • das vollständige Freihalten der wertvollen historischen Kulturlandschaften von den genannten Anlagen,
  • die Einhaltung von Mindestabständen zwischen den Windkraftanlagen und den Denkmalen,
  • die Einbeziehung der Denkmalpflege als zuständiger Fachbehörde bereits im Vorfeld aller Planungsverfahren und ihre zureichende Ausstattung mit Personal. 
pdf Greifswalder Appell (pdf, 85 KB)

Verband Deutscher Kunsthistoriker e.V.

Der Berufsverband Verband Deutscher Kunsthistoriker e.V. wurde 1948 gegründet. Er vertritt die Interessen der in Deutschland bzw. in deutschen Institutionen tätigen Kunsthistoriker jeder Nationalität. Derzeit hat er knapp 3.000 Mitglieder. Er nimmt öffentlich Stellung zu aktuellen Fragen der Denkmalpflege, der Museumspolitik und der kunsthistorischen Ausbildung. Alle zwei Jahre organisiert der Verband den Deutschen Kunsthistorikertag, die zentrale, national und international orientierte Fachtagung der Kunsthistoriker in Deutschland.

Die Kunstgeschichte befasst sich als Fach innerhalb der Geisteswissenschaften mit der Kunst vom frühen Mittelalter bis heute. Kunstgeschichte und Kunstwissenschaft umfassen die künstlerischen Gattungen Architektur, Skulptur, Malerei, Graphik, das sogenannte Kunstgewerbe, Fotografie, Film, Performance, Environment, Videokunst, Netzkunst und viele mehr.

Kunsthistoriker erfüllen den Auftrag, die aus der Vergangenheit überkommenen Werke und Werkkomplexe vom isolierten Einzelstück bis hin zum gewachsenen Ensemble zu erhalten, zu sammeln, in der Erforschung möglichst umfassend zu deuten und damit gegenwärtig und für die Zukunft lebendig zu erhalten. Analoges gilt für die Werke zeitgenössischer Kunst.

(aus: http://www.kunsthistoriker.org/wirueberuns.html

Titelfoto: www.mainova.de

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