Science on Demand – Wissenschaft auf Anforderung

Ein wenig Wind hat ein Diskussionspapier von Wissenschaftlern der Friedrich-Alexander-Universität ErlangenNürnberg(FAU), das von einigen Medien übertrieben als “Studie” bezeichnet wurde, mit der Behauptung aufgewirbelt, Erneuerbare Energien sparten deutschen Stromverbrauchern im Jahr 2013 rund 11,2 Milliarden Euro. Nicht der Inhalt ist bemerkenswert, schließlich kann man über alles diskutieren, sondern die fett gedruckte Überschrift der Pressemitteilung der Universität, die ihre Runde durch die Medien machte. Sie kann hier nachgelesen werden: Pressemitteilung

Erfolgreich in Sachen PR

Die Chance für eine positive, politisch korrekte Titelzeile mit Bezug auf wissenschaftliche Forschungsergebnisse lässt sich auch wiwo nicht entgehen: “Forscher: Energiewende hat Deutschland 29 Milliarden Euro gespart”. Dass wiwo die Erfolgsmeldung selbst nicht ganz geheuer ist, ist jedoch offensichtlich: “Der verstärkte Ausbau der erneuerbaren Energien seit dem Atomausstieg im Jahr 2011 habe den Deutschen sogar Geld gespart. Ja, Sie haben richtig gelesen … gespart!”

Tabelle_3

Zuletzt seien durch das EEG im Jahr 2013 für die Letztverbraucher der Bundesrepublik Deutschland 11,2 Mrd. Euro eingespart worden, behaupten die Forscher. Dass das vorliegende Diskussionspapier im Auftrag der Siemens AG im Herbst 2014 vor dem Hintergrund öffentlicher Diskussionen um stetig steigende Strompreise entstand, verhehlen die Forscher nicht.

Siemens sieht sich als “die klare Nummer eins bei der Nutzung von Windenergie auf dem Meer”. Der Mischkonzern sieht einen wesentlichen Teil seiner Zukunft in den Erneuerbaren Energien, und versucht, nachdem er aus der Solartechnik ausgestiegen ist, sein Image als “grüner Konzern” zu retten und bedient sich der Möglichkeiten einer ökonomisierten Wissenschaft.

Trouble Shooting – Versuch, die selbstgemachten Probleme schönzurechnen

Die Forscher betrachten die Jahre nach der Stilllegung von acht der siebzehn deutschen Kernkraftwerke im Jahr 2011. Sie behaupten, dass es ohne den massiven Zubau Erneuerbarer Energien zu erheblichen Preissteigerungen an den Strommärkten gekommen wäre. Er habe Europa vor einer Energiekrise bewahrt. Niemand hat Deutschland zum Atomausstieg gezwungen.

Rudolf Kipp hat in Science Sceptical berechnet, dass die Verbraucher wegen der Langfristverträge am Terminmarkt durch das EEG im Jahr 2013 nicht 11,2 Mrd. Euro gespart, sondern 13,6 Mrd. Euro zu viel gezahlt hätten.

Auch ein Mitglied der Bürgerinitiative BI Siegtal hat die Autoren des Diskussionspapiers in einem Schriftstück, das uns dankenswerter Weise ein Mitglied der Initiative zur Verfügung gestellt hat, auf gravierende Fehler hingewiesen.

BI Siegtal

Sehr geehrter Herr Karl,
sehr geehrter Herr Dillig,

mit zunehmender Belustigung habe ich soeben Ihre Studie “Deutschland ohne Erneuerbare Energien” gelesen.

http://www.evt.cbi.uni-erlangen.de/…/Energiestudie.shtml

Besonders angetan hat es mir Ihre Behauptung auf Seite 22, dass die konventionellen Kraftwerke alleine sehr oft gar nicht in der Lage gewesen wären, den benötigten Strom zu liefern – woraus Sie dann Mondpreise für den entsprechenden Börsenhandel ableiten.
Wie erklären Sie dann z.B., dass am 3.12.2014 (ein Mittwoch) gegen 17:00 Uhr immerhin 12,1 GW aus Kernenergie, 18,2 GW aus Braunkohle, 29,5 GW aus Steinkohle, 14,5 GW aus Erdgas und 4,1 GW aus Pumpspeicherkraftwerken (zusammen 78,4 GW) stammten, während die PV-Anlagen zur selben Zeit mal wieder 0 GW erzeugten und die Windenergieanlagen mit 1,43 GW auch weit unterhalb des Durchschnitts (oder gar der installierten Nennleistung) blieben? Der Verbrauch lag in diesem Moment immerhin bei stolzen 77,7 GW.
(http://www.agora-energiewende.de/ser…/aktuelle-stromdaten/ )

Was wäre also selbst in diesem Extremfall mit der Stromversorgung geschehen, wenn wir gar keine Windräder und PV-Anlagen gehabt hätten?
Ich verrate es Ihnen: Es hätte schlicht überhaupt keinen Unterschied gemacht. Und aus welchem Grund sollte der selbe Kraftwerkspark nicht die selbe Leistung an jedem beliebigen anderen Tag des Jahres leisten können?

Umgekehrt wird die Frage viel Interessanter: Was wäre denn an diesem 3.12.2014 gegen 17:00 Uhr geschehen, wenn die konventionellen Kraftwerke (tatsächlich) nicht mehr in der Lage wären, den Strombedarf auch ohne die EEG-subventionierten Anlagen bereitzustellen?
Und das gilt natürlich nicht nur für diesen Fall. Schön war z.B. auch der 17. Juli 2014, als alle bundesdeutschen Windenergieanlagen gemeinsam (also auch die Offshore-Windparks) gegen 9:45 Uhr lediglich 24 MW erzeugten. (http://www.eex-transparency.com/ )

Windenergie ist nunmal eine völlig chaotische Form der Stromproduktion. Dass PV-Anlagen an jedem einzelnen Tag des Jahres zwischen Abend und Morgen gar keinen Strom erzeugen, muss ich Ihnen hoffentlich nicht erst erklären. Dass sie im Winterhalbjahr oft auch tagsüber nur sehr bescheidene Beiträge zur Stromversorgung liefern, sollte ebenfalls offensichtlich sein.
Warum ist dann aber dennoch bisher unsere Stromversorgung nicht zusammengebrochen? Wer hat uns vor einem “Black Out” bewahrt?
Stellen Sie sich angesichts dieses Szenarios nicht automatisch die Frage, ob es sinnvoll ist, weitere konventionelle Kraftwerke abzuschalten, bevor dieses offensichtliche Problem der EEG-subventionierten Stromerzeuger behoben wurde?

Sicher, das hat mit dem Thema Ihrer Studie nichts zu tun. Vermutlich aus gutem Grund. Aber wie oben beschrieben, ergibt sich diese Frage nunmal dennoch direkt aus den Aussagen Ihrer Studie.
Außerdem ist es doch höchst peinlich, wenn man sein auftragsgemäßes Studienergebnis nur dadurch erreichen kann, indem man so tut, als würden die konventionellen Kraftwerke nicht etwa wegen der privilegierten Stromproduktion der EEG-subventionierten Anlagen reduziert, sondern behaupten muss, dass sie zu diesem Zeitpunkt gar nicht mehr Strom produzieren konnten. (Inwieweit das im Sinne des Auftraggebers ist, der ja immerhin selbst maßgeblich an der Technologie des konventionellen Kraftwerkparks beteiligt ist, wage ich zudem zu bezweifeln. Ich käme mir als Siemens AG jedenfalls schon etwas seltsam vor, wenn mir vorgehalten würde, dass die mit Siemens-Technik ausgestatteten Kraftwerke gar nicht das leisten können, was sie vorgeben.)

Außerdem unterschlagen Sie in Ihrer Milchmädchenrechnung (wissentlich?) auch, dass die Privatkunden-Strompreise nahezu gar nichts mit den Börsenpreisen zu tun haben, weil diese Stromversorgung weitestgehend über langfristige Lieferverträge gesichert ist. Somit ist schon der Ansatz Ihrer “Studie” grundlegend falsch. (Darum, dass wir mit unseren Stromüberschuss aus nicht steuerbaren   Stromerzeugungsanlagen insbesondere die Strompreise in den Niederlanden drastisch gesenkt haben, ging es in Ihrer Studie ja leider nicht.)

Mir persönlich wäre ein so gravierender Fehler ja zutiefst peinlich…
Ach nein – ein Fehler war es ja gar nicht. Die Studie ist schließlich eine Auftragsarbeit. Aber man hätte sich doch ein wenig mehr Mühe geben können, damit die Schönrechnerei nicht ganz so offensichtlich ist, oder?

Mit freundlichem Gruß
M.S BI Siegtal

 

Kommentar von Hans-Lothar Fischer zu “Sonne und Wind entlasten Verbraucher um Milliarden“, wiwo, 03.02.2015

Stellen wir uns einen Kellerraum vor, der mit normalem Strom beleuchtet wird. Zünden wir in dem erleuchteten Keller eine Kerze an, so macht sich das in der Helligkeit vor Ort nicht bemerkbar. Schalten wir aber die Elektrobeleuchtung aus, dann stiftet die brennende Kerze doch begrenzten Nutzen. So ähnlich ist es mit dem EEG: Nach Angaben des Bundeswirtschaftsministeriums deckten Windkraft und Photovoltaik zusammen im Jahre 2013 insgesamt 2,1 % des Energiebedarfs. Für 2008 deckten diese Energiequellen zusammen nur 1,1% des Energieverbrauchs. In fünf Jahren hat sich der Anteil zwar fast verdoppelt, aber doch nur um einen Prozentpunkt erhöht. Gemessen an den erheblichen bisherigen Anstrengungen, hat der Ausbau der erneuerbaren Energien nicht zu bedeutenden Energieeinsparungen geführt. Würde im Verkehrssektor beispielsweise 12% weniger Kraftstoff verbraucht, so sparte dies mehr Energie ein als die bestehenden Wind- und Sonnenkraftanlagen insgesamt produzieren. Selbst wenn alle Haushalte in Deutschland ihren Strom allein aus Wind- und Sonnenkraft bezögen, so wären erst knapp 4% der Energiewende geschafft. Dies liegt daran, dass der Stromverbrauch der privaten Haushalte nur 26% des gesamten Stromverbrauchs ausmacht, und dieser wiederum nur 14% des gesamten Energieverbrauchs, und 26% von 14% sind eben nur 3,6%. Der Beitrag der Windkraft zur Energiewende sieht nur deshalb so groß aus, weil er in Einheiten der kleinen “Münze” Haushaltsstrom angegeben wird.
Wäre Wolfram Engels noch Herausgeber der Wirtschaftswoche, wären die Tage des Herrn Dürand in der Wiwo-Redaktion wohl gezählt.
http://www.wiwo.de/politik/deutschland/strompreise-sonne-und-wind-entlasten-verbraucher-um-milliarden/v_detail_tab_comments/11323822.html?pageNumber=1&commentSort=debate

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Diskussionspapier:

Marius Dillig, Jürgen Karl: „Deutschland ohne Erneuerbare Energien?“ Stromkosten und Versorgungssicherheit ohne die Einspeisung Erneuerbarer Energien in den Jahren 2011-2013, Lehrstuhl für Energieverfahrenstechnik Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg, Februar 2015

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