Köln und Connewitz. Tage des Schreckens im Januar 2016

Die Kerze brennt an beiden Seiten: Köln (“taharrush gamea”) auf der einen und Connewitz auf der anderen. Neonazikreise haben offenbar auf einen gezielten Großangriff auf Connewitz hingearbeitet. “In Connewitz brennt es wieder, und zwar richtig. Dies ist ein Wendepunkt”, meint taz. die tageszeitung.
Betroffen berichtet Anna Vero Wendland bei Facebook über den Pogrom. Sie sitzt in ihrer Wohnung in Connewitz, mitten im Ort des Geschehens, im Ausnahmezustand, wie sie schreibt. “Heute liegt die Wolfgang-Heinze-Straße in Scherben, und zwar komplett, Dönerläden, Kneipen, Buchhandlung, Optiker – die Familie des Besitzers kenne ich persönlich -, auf ein Haus wurde wohl ein Brandanschlag verübt.”
Dass sie Putin für den Drahtzieher des Pogroms in Connewitz und taharrush gamea in Köln verharmlosend für Gegrabsche, Nötigung, Diebstahl und sexualisierte Pöbelei hält, ist eine andere Geschichte. Fest steht, dass in Deutschland die Nerven blank liegen, weil von der Energiewende über die Griechenland-Krise bis zu Masseneinwanderungen kein vernünftiges politisches Konzept erkennbar ist. Aktionismus an Stelle einer vorausschauenden Politik – der direkte Weg ins Chaos oder in den Bürgerkrieg.

Paralellen zu einer “gutmenschlichen” Gesellschaft, die im Glauben an das Gute das Böse wachsen ließ, das 1914 und 1933 in Katastrophen mündete? Stefan Zweig sah beide Katastrophen kommen, seine Warnungen wurden nicht verstanden, und er verstand die Menschen nicht, die weiter so lebten, als sei die Welt in Ordnung. 1942 brachte sich Stefan Zweig im Exil um.

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Storchmann Medien

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Das Stück “Biedermann und die Brandstifter” von Max Frisch ist die Geschichte des Bürgers Gottlieb Biedermann, der die Brandstifter in sein Haus einlädt, um von ihnen verschont zu werden. Es entlarvt präzise eines Geisteshaltung, die der Technik des Totalitären zum Erfolg verhilft. Biedermann und die Brandstifter – eine politische Parabel, die ihre kritische Kraft nicht aus der Entlarvung der Lüge bezieht, sondern aus der Inszenierung der biedermännischen Wehrlosigkeit gegenüber Verbrechern, die von Anfang an sagen, was sie wirklich wollen.Das »Lehrstück ohne Lehre« wurde am 29. März 1958 am Schauspielhaus Zürich uraufgeführt. Die deutsche Erstaufführung mit der Uraufführung des Nachspiels war am 28. September 1958 an den Städtischen Bühnen Frankfurt am Main. Biedermann und die Brandstifter gehört seit Jahren nicht nur zum Theaterrepertoire, sondern auch zum Lektürekanon im Deutschunterricht.

Der Biedermann heißt heute “Gutmensch”. Ein “Gutmensch“,  soeben zum Unwort des Jahres 2015 gekürt, wird das Buch von Max Frisch nicht gelesen oder nicht verstanden haben.

 

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Das Gutmenschentum ist nichts weiter als “moralischer Neoliberalismus”

Der Gutmensch. Der Gutmensch an sich ist ein Opfer. Nämlich das Opfer von Bösmenschen. Die haben es partout auf Ehrenamtliche abgesehen, die sich “in der Flüchtlingshilfe engagieren oder die sich gegen Angriffe auf Flüchtlingsheime stellen.” Das behauptet jedenfalls eine unabhängige(!) sprachkritische Initiative, die sich als moralische Sprachinstanz 1991 selbst auf den Thron gehoben hat. Seitdem wird das “Unwort des Jahres” von ihr, in diesem Jahr ergänzt durch den Kabarettisten Georg Schramm, gewählt. Ziel der sprachkritischen Aktion “Unwort des Jahres” sei es, “das Sprachbewusstsein und die Sprachsensibilität” in der Bevölkerung zu fördern, heißt es auf der Website der Initiative. Man möchte den Blick auf sachlich unangemessene oder inhumane Formulierungen lenken.

“Gutmensch” ist kein geschützter Begriff, die Definition der Sprachkritiker ist völlig willkürlich, zudem entspricht sie nicht dem Sinn, wie “Gutmensch”  in den Social Media verwendet wird. Es gibt für ihn auch keine verbindliche Definition, weshalb die Definition von Stupedia gleichwohl ein Recht auf Anerkennung durch die sprachbewusste und sprachsensible Bevölkerung fordern kann.

Stupedia: “Der Gutmensch”.

“Der Gutmensch gehört zu der Gattung homo perfektus beneficiaris. Er hat im Laufe der Evolution eine unglaubliche Anpassungsfähigkeit etwickelt. Sinn seines Lebens ist es, möglichst wenig Angriffsfläche zu bieten und (Schein-)Toleranz zu predigen. Er pflanzt sich fort, indem er andere Menschen zum Gutmenschentum bekehrt. Erklärtes Ziel ist es, die Welt zu einem besseren Ort zu machen, indem er ständig neue Ideen und Forderungen für mehr “Toleranz” ersinnt, eben der typische Gutmenschen-Blödsinn (s.u. “Beliebte Phrasen und Einsichten”). Leider artet dieses Bestreben in einen regelrechten Toleranzfaschismus aus, wodurch man hierzulande mit Androhung der Nazikeule geradezu dazu gezwungen wird, jeden noch so nutzlosen Blödsinn und unnötigen Scheiß als toll zu empfinden, solange es nicht deutschnational ist (hier wird man hingegen gezwungen, es zu verachten). […]

Typisch für Gutmenschen ist es, dass sie sich selbst für intellektuell halten, während sie all diejenigen, die ihnen nicht in der oben genannten Scheintoleranz zustimmen, gleich als primitiv, von Medien manipuliert (bevorzugt der Springerpresse), rechtsradikal, voreingenommen, inkonsequent etc. diffamieren, nur um behaupten zu können, dass eine sachliche Diskussion mit jenen nicht möglich ist.”

Das Gutmenschentum ist nichts weiter als “moralischer Neoliberalismus”

Eine kurze Definitions-Variante von Lucas Sch. bei Facebook: “Die Linguisten wissen wohl nicht, was mit Gutmensch gemeint ist. Er ist ein Mensch, der sich eigener Selbstüberhöhung anmaßt die einzig richtige Moralvorstellung zu haben und letztendlich alles aufs Spiel setzt, nur um sich moralisch überlegen fühlen zu können. Dafür opfert er vor allem nicht die eigenen Güter, sondern privatisiert die Selbstüberhöhung, solidarisiert aber die Kosten. Das Gutmenschentum ist also nichts weiter als moralischer Neoliberalismus.”

Somit erweist sich die Kritik an der Verwendung des Begriffs “Gutmensch” als Boumerang für die Kritiker. Dieses Urteil hätte Georg Schramm bestimmt nicht erwartet – Georg Schramm, ein moralischer Neoliberalist!

http://www.deutschlandfunk.de/sprachkritik-gutmensch-ist-unwort-des-jahres.1818.de.html
http://www.stupidedia.org/stupi/Gutmensch

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