Otto Schily: “Warum wird nicht vorurteilsfrei diskutiert?”

„Warum wird nicht vorurteilsfrei diskutiert, moderne Nukleartechnik in die Energiewende einzubeziehen?” fragte Otto Schily auf einer Veranstaltung der TU Clausthal. Der ehemalige Bundesinnenminister nannte als Beispiel den Dual Fluid Reaktor, ein in Deutschland entwickeltes Projekt.

Otto Schily hielt am 18. April einen Vortrag in der Aula der TU Clausthal. Er sprach vor 150 Gästen im Rahmen der Vortragsreihe „Wissenschaft – Technik – Ethik” zum Thema „Wie weiter mit der Energiepolitik? – Denkverbote oder offene Debatte”. Eingeladen dazu hatte die Evangelische Studentengemeinde (ESG).

Professoren und Studierende der Universität – in der Energieforschung beschäftigt sich die Wissenschaft in Clausthal insbesondere mit Speichertechnologien für regenerative Energien, aber auch mit Entsorgungsoptionen für radioaktive Reststoffe – hinterfragten kritisch die Aussagen und vorgelegten Zahlen. Schilys Antwort: Was nützt es auf die Atomkraft zu verzichten, wenn im Nachbarland Frankreich weiter auf Kernkraftwerke gesetzt wird und im Osten Europas sogar neue Kernkraftwerke gebaut werden?

 

Energiewende – zu teuer, zu viele Schwierigkeiten

Otto Schily hält die Energiewende für zu teuer, mit zu vielen Schwierigkeiten behaftet. Und sie muss vom Steuerzahler finanziert werden. Die deutsche Wirtschaft floriere nicht wegen, sondern trotz der Energiewende, sagte er.

Schily kritisierte die Energiewende in seiner knapp einstündigen Rede unter finanziellen, ökologischen und sozialen Gesichtspunkten. So habe Deutschland die höchsten Strompreise für private Haushalte in der Europäischen Union, dazu kämen zahlreiche Insolvenzen in der Solarbranche. Neben den finanziellen Nachteilen sei die Energiewende „alles andere als ökologisch”. Nach Schilys Worten benötigen Windräder, die er Windmonster nannte, zu viel Fläche, zerstören die Landschaft und verursachen Umweltprobleme. Gerade die Vogelwelt werde geschädigt und die Menschen beeinträchtigt. Auch unter sozialen Aspekten sei die Energiewende „eine krasse Fehlkonstruktion”, sie bewirke eine Umverteilung von unten nach oben. Weil hierzulande Millionen Menschen die Energierechnung nicht mehr bezahlen können, würde ihnen angedroht, dass der Strom abgestellt wird.

 

Medien?

Die überregionalen Medien schweigen. Kritik von einem der bekanntesten Politiker Deutschlands an der Energiewende und seine Befürwortung einer offenen Debatte über die Kernenergie machen sie offenbar sprachlos. Die regionale Presse nimmt zwar Notiz, die Artikel sind gegen Bezahlung zu lesen.

Die Goslarsche (GZ live) schreibt: “Schilys Haltung kontrastiert mit den aktuellen Entwicklungen im Hinblick auf die Energiepolitik in Deutschland: Weniger verbissen an erneuerbaren Energien festhalten und dafür Nuklearkraft wieder ins Auge fassen, lautet seine Position.” (Paywall)

Die Braunschweiger Zeitung kommentiert: “Der Ex-Minister Otto Schily warnt in Clausthal vor den Folgen der Windkraft und der Energiewende im Großen und Ganzen. Von Denkverboten hat sich Otto Schily noch nie einschüchtern lassen.” (Paywall)

 

Titelfoto: Ernst (TU Clausthal)

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Ein Gedanke zu „Otto Schily: “Warum wird nicht vorurteilsfrei diskutiert?”

  1. Zum besseren Verständnis des Ganzen dürfte beitragen, wenn man weiss, dass sich die TU Clausthal über so gut wie alle Fakultäten hinweg mit grossem Engagement der Energiewende verschrieben hat und eng mit den entsprechenden Verbänden wie Agora Energiewende sowie Unternehmen der betreffenden Branchen zusammenarbeitet. Professoren, die das nicht unterstützen, wird das Leben schwer gemacht. Kein Wunder also, dass man es bevorzugt, diesen “Ausrutscher” von der reinen Lehre möglichst unter dem Teppich zu halten.
    Mfg

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