Bahn – Symbolträger der Energiewende

Die Bundesrepublik Deutschland ist alleiniger Eigentümer der Deutschen Bahn. Sie ist als Aktiengesellschaft konzipiert und steht unter der Führung des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur (BMVI). 2015 arbeiteten weltweit über 300.000 Mitarbeiter für die Deutsche Bahn AG, davon rund 195.000 bei der Bahn in Deutschland.
Die “Eisenbahninfrastrukturunternehmen” der Deutschen Bahn AG erhielten im Jahr 2015 Investitionszuschüsse des Bundes in Höhe von 4,5 Milliarden Euro.

Wendepunkt bei der Deutschen Bahn

Unpünktlich, überfüllt, schlecht gemanagt, technische Probleme – und kein Ende in Sicht. “Das Desaster der Deutsche Bahn ist kein Versehen”, sagt Arno Luik im Vorwort zu seinem Buch “Schaden in der Oberleitung. Das geplante Desaster der Deutschen Bahn.”

Die Fehler der Bahn sind strukturell bedingt, sagt Luik. Der Irrsinn bestehe darin, dass “überehrgeizige Bahnmanager und ignorante Politiker sich ein unfassbar teures Denkmal setzen wollen. Auf Kosten des Bahnverkehrs. Auf Kosten der Bürger. Auf Kosten der Sicherheit. Auf Kosten der Umwelt.” Der Stuttgarter Bahnhof (S21) ist ein aktuelles Beispiel, jetzt kommt in Folge der chaotischen, scheiternden Energiewende ein neues Milliardengrab für die Bahn hinzu:

DB – Ein neuer Umweltverband mit Schienenverkehr

Die Deutsche Bahn sieht den Klimaschutz als Ziel: “Wir als Deutsche Bahn stellen uns dieser Aufgabe und nehmen unsere Verantwortung für die Umwelt und das Klima wahr. Dafür steht unsere Strategie #starkeschiene. Denn nur wenn massiv Verkehr auf eine grüne starke Schiene verlagert wird, kann Deutschland – und Europa – seine Klimaziele erreichen”, heißt es in dem Strategiepapier „Starke Schiene“, das die Deutsche Bahn AG am 19. Juni 2019 vorlegte.

Bis 2038 sollen alle Züge mit Ökostrom unterwegs sein. Und bis zum Jahr 2050 werde sie als Deutsche Bahn CO2-frei sein, verspricht die Bahn. Sie will die Bahn leiser machen und bis 2020 mehr als 95 Prozent der eingesetzten Rohstoffe recyceln. Sie will darüber hinaus auch “Lebensräume für bedrohte Tiere und Pflanzen” schaffen und sich für die Artenvielfalt engagieren. Ein neues Kerngeschäft für die bereits marode Bahn?

Kerngeschäft Klimaschutz

Foto: DB

Die optische Umsetzung des grünen Strategiepapiers „Starke Schiene“ fand am 10. September 2019 statt: Der charakteristische rote Seitenstreifen der ICE-Züge wird nach und nach durch grüne Streifen ersetzt. Das DB-Logo ist noch rot. Das Corporate Design stimmt nicht mehr. Wer bezahlt die Kosten für den unsinnigen Farbwechsel? An wen?

Der Konzern will sich nach eigenen Angaben in den kommenden Jahren auf den konsequenten Ausbau seines Kerngeschäfts konzentrieren, das soll heißen:

  • den Klimaschutz voranbringen,
  • mehr Fracht auf die Schiene verlagern und
  • die Fahrgastzahlen verdoppeln.

Das präsentierte Konzept beinhaltet laut der Zeitung für den Güterverkehr “Transport” den Ausbau des Schienengüterverkehrs, die Ertüchtigung des Schienennetzes sowie die Digitalisierung des Eisenbahnbetriebs.

“Deutschland wird seine Klimaziele nur erreichen, wenn es im kommenden Jahrzehnt gelingt, massiv Verkehr auf die Schiene zu verlagern”, argumentiert Konzernchef Richard Lutz in dem Papier. “Die starke Schiene hilft unserem Land.” Alles, was die Bahn tut, soll sich auf die Stärkung der Eisenbahn in Deutschland ausrichten. Im Fernverkehr soll sich die Zahl der Fahrgäste nahezu verdoppeln, in Regionalzügen soll sie um die Hälfte zulegen.

Zahlt die Bundesregierung die Erreichung der Bahnziele?

Die Deutsche Verkehrszeitung (DVZ) erteilte dem Papier ein vernichtendes Urteil: Das Konzept sei durch die Bahn allein nicht umsetzbar, die Planung nicht vollständig, die Erwartung nicht realistisch, die Argumentation nicht korrekt, die Kernprobleme ungelöst und Alles sei nicht neu. Die 173 Seiten starke Unterlage “Starke Schiene” lasse die Merkmale einer Strategie vermissen. In ihrer Medienmitteilung gebe die DB einen Hinweis: „Mit der neuen Strategie werden zentrale Verkehrs- und klimapolitische Ziele der Bundesregierung in Angriff genommen.“

Die nach 1980 Geborenen wissen gar nicht mehr, was noch vor knapp 30, 40, 50 Jahren selbstverständlich war in jeder Stadt, in fast jedem Dorf auch auf dem Land. Dass die Bahnhöfe wirklich noch Bahnhöfe waren – mit Wartesälen (im Winter beheizt und jedem zugänglich), mit ordentlichen Sitzbänken, mit Fahrkartenschaltern und echten Menschen, bei denen man spontan Fahrkarten selbst zu Zeiten des Kalten Kriegs bis nach Wladiwostok kaufen konnte, falls man das wollte. Probieren Sie das heute mal im Netz oder an einem Service-Point in den wenigen Bahnhöfen, in denen Sie als Reisender noch persönlich bedient werden! Kurz: Es war ein heute unfassbarer Komfort, der aus dem kollektiven Gedächtnis der Bevölkerung nahezu komplett verschwunden (worden) ist.” (Auszug aus Arno Luik, “Schaden in der Oberleitung”, September 2019, als eBook oder Buch erhältlich bei Storchmann Medien, mit Leseprobe).

Für die Deutsche Verkehrszeitung liegt “der Schluss nahe, dass die Bundesregierung für die Erreichung ihrer Ziele zahlen und gleichzeitig die DB entlasten soll.” Ob diese Strategie aufgeht, werde sich zeigen, wenn feststeht, um welche Beträge es geht.

Dass Kernprobleme der Bahn nicht in Angriff genommen werden, bestätigt auch der Bahn-Fachmann Arno Luik. Die Fehler der Bahn seien strukturell bedingt, sagt er. Der Irrsinn bestehe darin, dass “überehrgeizige Bahnmanager und ignorante Politiker sich ein unfassbar teures Denkmal setzen wollen. Auf Kosten des Bahnverkehrs. Auf Kosten der Bürger. Auf Kosten der Sicherheit. Auf Kosten der Umwelt.” Er bezog sich auf den Stuttgarter Bahnhof. S21 werde “unendlich teuer”, sei ein “Symbol für den Niedergang” und längst zur Chiffre geworden. Die nächste Chiffre der hoch verschuldeten Bahn lautet Energiewende.

Symbolträger Deutsche Bahn

Azubis in der 1. Klasse
Foto: EB, 11.09.19

Die Politisierung der Bahn ist Teil der Klimapolitik. Die Bahn wird zum Symbolträger der Energiewende. “Deutschland wird seine Klimaziele nur erreichen, wenn es im kommenden Jahrzehnt gelingt, massiv Verkehr auf die Schiene zu verlagern”, sagt Konzernchef Lutz in dem Papier “Starke Schiene”. Und grenzenlose Freiheit verspricht die Werbung des Staatsunternehmens Bahn jungen Menschen. Die Klimaziele sind aber nicht ohne massive Einschränkungen der Freiheit zu realisieren.

Dies kündigte die Bundeskanzlerin in ihre Rede zum Haushalt 2020 an. Sie sagte, um den Ausbau der erneuerbaren Energien voranzutreiben, müssten Gerichtsverfahren und Einsprüche verkürzt werden.

Die Vermischung von Werbung und Staatspropaganda ist bei der DB unverkennbar. Leider nicht nur bei dem staatlichen Unternehmen.

“Die starke Schiene hilft unserem Land, sagt Lutz. “Alles, was die Bahn tut, soll sich auf die Stärkung der Eisenbahn in Deutschland ausrichten. Im Fernverkehr soll sich die Zahl der Fahrgäste nahezu verdoppeln, in Regionalzügen soll sie um die Hälfte zulegen.” Die spezifischen Aufgaben der Bahn sind, wie man erfährt, nicht ganz in Vergessenheit geraten.

Angenommen, man würde jetzt 87 Milliarden ins Schienennetz investieren und im Jahr 2030 würden dem Wunsch der Politik entsprechend wirklich doppelt so viele Leute Bahn fahren wie jetzt, was würde da passieren, wurde Arno Luik vor wenigen Tagen gefragt. Der Fachmann spricht ein vernichtendes Urteil über die Bahn. Er glaube nicht, dass es möglich sei, dass doppelt so viele Leute fahren wie jetzt, sagte er. Das System sei schon jetzt total überlastet.

“Die Unparodierbare”

Ob die Bundeskanzlerin Angela Merkel an “ihre” Deutsche Bahn gedacht hat, als sie am 11. September 2019 anlässlich der Haushaltsdebatte im Zusammenhang mit der Energiewende Unternehmen als positive Beispiele erwähnte, ist ungewiss. Sie sagte:

“Das ist ein gewaltiger Kraftakt, bei dem ich merke, dass Teile der deutschen Wirtschaft zum Teil weiter sind, als manche hier in diesem Hause.”

Den Verstand wieder einschalten

Arno Luik hatte 2018 in einem Kommentar im Stern gewarnt, dass der Bahnhof S21 komplett aus dem Ruder laufe: planerisch, finanziell, strukturell. Es sei Zeit, den Verstand wieder einzuschalten.

Das Gegenteil geschieht. Die Bundeskanzlerin reagiert nicht auf Warnungen. Alles wird grün. Mit der EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen hat sie in der geschwächten EU eine Gleichgesinnte platzieren können. Europa soll “der erste grüne Kontinent der Welt” werden, sagte von der Leyen. Warum schalten die gut und zukunftssicher bezahlten Politiker nicht ihren Verstand ein? Die Antwort ist unkompliziert: Auf der schiefen Ebene rutscht es sich so schön.

Georg Materna

Titelfoto: Tama66, pixabay

Quellen/Links:

Strategiepapier „Starke Schiene“, Deutsche Bahn AG, 19. Juni 2019

https://transport-online.de/news/die-deutsche-bahn-stellt-strategie-starke-schiene-vor-14874.html

https://www.dvz.de/rubriken/meinung/detail/news/starke-schiene-die-sechs-maengel-der-zehn-punkte-strategie.html

https://www.dnn.de/Nachrichten/Wirtschaft/Das-Rot-kommt-weg-Die-ICE-Flotte-bekommen-einen-neuen-Anstrich

https://www.n-tv.de/politik/Merkel-stimmt-auf-gewaltigen-Kraftakt-ein-article21265545.html

https://www.welt.de/wirtschaft/article200079802/Neuer-ICE-Anstrich-Nichts-weiter-als-eine-grosse-Show-Kritik-an-Oeko-Bilanz-der-Bahn.html

Ergänzungen/Links:

11. September 2019: Fehleinkauf bei Pesa-Zügen. Millionen Euro Vertragsstrafe.

Georg Materna

Journalist

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