Ethikkommission

Ethikkommission zum Atomausstieg hat Grundregeln der wissenschaftlichen Unabhängigkeit verletzt

Hat die Ethikkommission zum Atomausstieg Grundregeln der wissenschaftlichen Unabhängigkeit verletzt? Im Jahre 2011 hatte die sogenannte Ethikkommission – „Sichere Energieversorgung“ – den Ausstiegsbeschluss von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) legitimiert. Der 17-köpfigen Kommission gehörten Persönlichkeiten aus Politik, Wirtschaft, Gesellschaft und Kirchen an. Geleitet wurde das Gremium vom früheren Umweltminister Klaus Töpfer und dem Präsidenten der Deutschen Forschungsgemeinschaft, Matthias Kleiner. Auf der Grundlage des Berichts der Kommission beschloss der Deutsche Bundestag am 30. Juni 2011 den Atomausstieg.

Der Rückblick auf die Unabhängigkeit der Wissenschaft ist zeitgemäß

Energiewendemaerchen

Anlässlich des 10-jährigen Jubiläums erhebt André D. Thess in einem offenen Brief an Matthias Kleiner schwere Vorwürfe wegen der Rolle der Wissenschaftler beim deutschen Atomausstieg. Matthias Kleiner ist amtierender Präsident der Leibniz-Gemeinschaft und (beurlaubter) Professor für Umformtechnik an der Technischen Universität Dortmund.

André D. Thess ist Direktor des DLR-Instituts für Technische Thermodynamik und lehrt als Professor für Energiespeicherung an der Universität Stuttgart. In seinem Brief gehe es ihm nicht darum, ob der Atomausstieg „richtig“ oder „falsch“ war, sagt Thess.

„Ich stelle vielmehr die Frage: Haben die acht Professoren – wie in Ihrer Presseerklärung gesagt – unabhängig votiert und sind damit dem Vertrauen gerecht geworden, welches die Gesellschaft beamteten Hochschullehrern auf Lebenszeit schenkt?“

Zunächst hält er seinem Kollegen Kleiner vor: „Das von Ihnen repräsentierte Kollegium verfügte nicht über hinreichende Fachkompetenz, um die Risiken eines Verbleibs in der Kernenergie gegenüber denen eines Ausstiegs umfassend und sachgerecht abzuwägen.“ Die Professoren stammen aus den Bereichen Umformtechnik, Soziologie, Sozial- und Wirtschaftswissenschaften, Mikrobiologie, Forst- und Bodenwissenschaft, Philosophie und Politikwissenschaft.

Es geht Thess jedoch nicht nur um die fehlende Fachkompetenz, sondern um den Verlust der Glaubwürdigkeit der Wissenschaft auch in anderen Kernthemen der Politik.

Das politisch erwartete Ergebnis geliefert

Freiheit

Zu den acht Wissenschaftlern der Ethikkommission „Sichere Energieversorgung“ zählt auch der damalige Präsident der Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina, Nationale Akademie der Wissenschaften, Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Jörg Hacker.

Die Leopoldina war erst kürzlich wegen ihrer Empfehlung zu einem harten Lockdown in die Kritik geraten. Den Unterzeichnern wurde auch intern vorgeworfen, eine wissenschaftlich nicht begründete, der Politik gefällige Empfehlung ausgesprochen zu haben. Prof. Dr. Michael Esfeld, Wissenschaftsphilosoph an der Universität von Lausanne und selbst Mitglied der Leopoldina, hat den Präsidenten der Leopoldina mit öffentlicher Protestnote aufgefordert, die Stellungnahme der Leopoldina zurückzuziehen. (Leopoldina-Mitglied Michael Esfeld: „Verrat an der Wissenschaft“ durch Corona-Politik)

Tatsächlich gerät die Wissenschaft zunehmend ins Zwielicht, der Politik zu Diensten zu sein, um den politischen Vorhaben den Glanz von Wissenschaftlichkeit zu verleihen. „Viele Deutsche äußern angesichts der gegenwärtigen Pandemie- und Klimapolitik Zweifel an der Unabhängigkeit der Wissenschaft“, sagt Thess. Er zieht eine Parallele zum Beschluss der Ethikkommission und hält „diese Frage gerade jetzt für zeitgemäß“. Aus diesem Anlass habe er die 115 Seiten des Berichts mit zehnjährigem Abstand studiert. Die Ergebnisse seiner Überlegungen hat Thess in sechs Thesen formuliert.

„Zusammenfassend komme ich zu dem Schluss, dass die drei Professorinnen und fünf Professoren der Ethikkommission dem Leitbild unabhängiger Wissenschaft nicht gerecht geworden sind. Sie haben sich allem Anschein nach vereinnahmen lassen und das politisch erwartete Ergebnis geliefert. Um das in der heutigen Zeit beschädigte Vertrauen der Bevölkerung in die Wissenschaft wiederzuerlangen, sollten sich alle Professoren auf die intellektuelle Freiheit besinnen, die der Staat ihnen durch den Beamtenstatus ermöglicht.“

André D. Thess wurde 1964 in Leningrad geboren. Nach seinem Physikstudium an der TU Dresden, seiner Promotion am heutigen Helmholtz-Zentrum DresdenRossendorf sowie Forschungsaufenthalten in Lyon, Grenoble und an der Princeton University wurde er mit 34 Jahren als Professor für Technische Thermodynamik an die TU Ilmenau berufen. Seit 2014 leitet er als Direktor das DLR-Institut für Technische Thermodynamik und lehrt als Professor für
Energiespeicherung an der Universität Stuttgart. Gastprofessuren führten ihn an die Stanford University, Nagoya University, Northeastern University Shenyang und Dalian University of Technology. Thess ist Hobbykoch und vermittelt den Studenten der Universität Stuttgart in seiner Vorlesung „Kulinarische Thermodynamik“ Einsichten in das Kochen, Backen, Braten und
Schnapsbrennen. Sein Buch „Sieben Energiewendemärchen?“ (Springer-Nature) stand im Februar 2021 auf Platz 1 der Amazon-Bestsellerliste in den Bereichen „Energiepolitik“ und „Energietechnik“.

Atomausstieg_Thess

Broschüre Abschlussbericht Ethikkommission, PDF herunterladen, 978 KB, barrierefrei

Titelbild: woodleywonderworks, piqs.de


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