Klimawissenschaftler fordern moderne Kernkraftwerke

Vier prominente Klimawissenschaftler haben Anfang November 2013 in einem offenen Brief Umweltschützer dazu aufgerufen, die Kernenergie im Kampf gegen die globale Erwärmung einzubeziehen. Sie befürchten, dass die weitere Ablehnung die Verhinderung des Klimawandels in Frage stellt. Die Erderwärmung und die Kohlendioxid-Emissionen stiegen schneller als je zuvor. Man könne es sich nicht leisten, eine Technologie abzulehnen, die einen großen Teil des Kohlendioxid-Ausstoßes verringern würde, heißt es in dem offenen Brief.
Die Klimawissenschaftler betonen, dass es keine glaubwürdige Alternative zur Stabilisierung des Klimas gibt, wenn sie der Kernkraft keine substanzielle Rolle einräume.

Der offene Brief stammt von Ken Caldeira (Carnegie Institution), Kerry Emanuel (Massachusetts Institute of Technology), Tom Wigley (University Corporation for Atmospheric Research) und James Hansen (früherer NASA Wissenschaftler, Columbia University’s Earth Institute). Den Brief erhielten verschiedene Organisationen und Journalisten. Veröffentlicht wurde er beispielsweise vom Klima-Blogger Andrew Revkin (hier), und auf der Webseite von CNN (hier).

Offener Brief der vier Klimawissenschaftler

Here’s the text of the letter, by Kenneth Caldeira of the Carnegie Institution,Kerry Emanuel at the Massachusetts Institute of Technology, James E. Hansen of Columbia University and Tom Wigley of the National Center for Atmospheric Research and the University of Adelaide* (veröffentlicht von Andrew Revkin):

To those influencing environmental policy but opposed to nuclear power:

As climate and energy scientists concerned with global climate change, we are writing to urge you to advocate the development and deployment of safer nuclear energy systems. We appreciate your organization’s concern about global warming, and your advocacy of renewable energy. But continued opposition to nuclear power threatens humanity’s ability to avoid dangerous climate change.

We call on your organization to support the development and deployment of safer nuclear power systems as a practical means of addressing the climate change problem. Global demand for energy is growing rapidly and must continue to grow to provide the needs of developing economies. At the same time, the need to sharply reduce greenhouse gas emissions is becoming ever clearer. We can only increase energy supply while simultaneously reducing greenhouse gas emissions if new power plants turn away from using the atmosphere as a waste dump.

Renewables like wind and solar and biomass will certainly play roles in a future energy economy, but those energy sources cannot scale up fast enough to deliver cheap and reliable power at the scale the global economy requires. While it may be theoretically possible to stabilize the climate without nuclear power, in the real world there is no credible path to climate stabilization that does not include a substantial role for nuclear power

We understand that today’s nuclear plants are far from perfect. Fortunately, passive safety systems and other advances can make new plants much safer. And modern nuclear technology can reduce proliferation risks and solve the waste disposal problem by burning current waste and using fuel more efficiently. Innovation and economies of scale can make new power plants even cheaper than existing plants. Regardless of these advantages, nuclear needs to be encouraged based on its societal benefits.

Quantitative analyses show that the risks associated with the expanded use of nuclear energy are orders of magnitude smaller than the risks associated with fossil fuels. No energy system is without downsides. We ask only that energy system decisions be based on facts, and not on emotions and biases that do not apply to 21st century nuclear technology.

While there will be no single technological silver bullet, the time has come for those who take the threat of global warming seriously to embrace the development and deployment of safer nuclear power systems as one among several technologies that will be essential to any credible effort to develop an energy system that does not rely on using the atmosphere as a waste dump.

With the planet warming and carbon dioxide emissions rising faster than ever, we cannot afford to turn away from any technology that has the potential to displace a large fraction of our carbon emissions. Much has changed since the 1970s. The time has come for a fresh approach to nuclear power in the 21st century.

We ask you and your organization to demonstrate its real concern about risks from climate damage by calling for the development and deployment of advanced nuclear energy.

Sincerely,

Dr. Ken Caldeira, Senior Scientist, Department of Global Ecology, Carnegie Institution

Dr. Kerry Emanuel, Atmospheric Scientist, Massachusetts Institute of Technology

Dr. James Hansen, Climate Scientist, Columbia University Earth Institute

Dr. Tom Wigley, Climate Scientist, University of East Anglia and the National Center for Atmospheric Research.

 * Correction by Andrew C. Revkin: November 3, 2013. “At the asterisk I initially wrote that Tom Wigley is affiliated with the University of East Anglia. He was, but not now.”


Andrew Revkin sagte im Zusammenhang mit der Veröffentlichung des Briefes in seinem Blog, er kenne viele weitere Energie- und Klimaanalysten, die diesen Brief sofort unterschreiben würden, einschließlich des Physik-Nobelpreisträgers Burt Richter und des Energieministers Ernest Moniz, von der Seite der Kernkraftgegner erwartet er jedoch keine Zustimmung.

Der Protest von vielen Umweltschützern und prominenten Gruppen wie Sierra Club und Greenpeace ließ auch nicht auf sich warten; die Antworten lagen offenbar parat. Es haben sich, wie dies in Deutschland zu beobachten ist, fundamentalistische Organisations- und Meinungsstrukturen zur Förderung des neuen ökologischen Wirtschaftskomplexes herausgebildet, die neue wissenschaftliche Erkenntnisse nicht verarbeiten können oder wollen. Kernkraftgegner haben es offenbar auch nicht mehr nötig, ihre Behauptungen zu belegen; sie haben sich eine Gemeinde geschaffen, der Rituale und Glaubensbekenntnisse als Argumente genügen. Das hohe Spendenaufkommen von 68 Millionen Euro für die intransparente, undemokratische Organisation Greenpeace Deutschland ist sicher ein Indiz dafür. Aus der Geschichte und aus der Erfahrung weiß eigentlich jeder, dass der Zweck nicht die Mittel heiligt und aus der Abschottung gegenüber der Wissenschaft nichts Gutes folgen kann.
Es ist nicht übertrieben, von einer Indoktrination zu sprechen, wenn man sich beispielsweise auf den verschiedenen Seiten bei Facebook die Übereinstimmungen zwischen den großen US-amerikanischen Organisationen und deutschen Kernkraftgegnern ansieht. Sie sind in ihrer permanenten, stupiden Wiederholung und Kürze frappierend.

Die vier Wissenschaftler wenden in ihrem Brief ein, dass Fortschritte in Sicherheitsfragen neue Kernkraftwerke erheblich sicherer machen können als die gegenwärtige Generation. In dem Brief heißt es: “Quantitative Analysen zeigen, dass die Risiken, die mit einer erweiterten Nutzung der Kernenergie verbunden sind, um Größenordnungen kleiner sind, als Risiken, die mit fossilen Energien zusammenhängen. Es gibt kein Energiesystem ohne Nachteile. Wir fordern lediglich, dass Entscheidungen über ein Energiesystem auf Fakten basieren muss und nicht auf Emotionen und Vorurteilen, die nicht auf die Nuklear-Technologie des 21. Jahrhunderts zutreffen.” (Übersetzung vom Autor)

Die Reaktion der Kernkraftgegner auf den offenen Brief der Klimaforscher war heftig:

Die US-amerikanischen Kernkraftgegner schätzen das Risiko eines Unfalls, den Müll, den Kernkraftwerke erzeugen, und andere Faktoren als zu hoch ein. Erneuerbare Energien wie Wind- und Solarkraft könnten, effizient ausgebaut, ebenso wie andere Mittel, die Kohlendioxid-Emissionen beschränken, ohne dafür neue Kernkraftwerke bauen zu müssen.

Mehrere Antiatom-Umweltgruppen sagten, sie hätten ihre Meinung nicht geändert. Jim Riccio, der Kernenergie-Analyst von Greenpeace USA zeigte sich erfreut über den Alarm der Klimawissenschaftler bezüglich des katastrophalen Klimawandels, lehnte die Kernenergie aber grundsätzlich ab. Wenn man die schlimmsten Folgen des Klimawandels verhindern wolle, würden Lösungen gebraucht, die schnell, bezahlbar und sicher sind. Die Kernenergie biete nichts davon.

Damon Moglen von FOE sagte, die Organisation glaube, Kernenergie sei eine schmutzige, gefährliche, übermäßig teure, für Proliferation anfällige, gescheiterte Technologie des 20. Jahrhunderts (“dirty, dangerous, overly costly and proliferation risky failed technology of the 20th century”). Es bestehe jedoch ein dringender Bedarf, die Erneuerbaren Energien und effiziente Technologien auszubauen, um die Treibhausgase zu drosseln.

Michael Brune, Geschäftsführer des 2,1 Millionen Mitglieder starken anti-nuklearen Sierra Clubs, dankte den Wissenschaftlern für ihre jahrelangen Dienste, stimmte ihrer Einschätzung des Klimawandels zu, erklärte aber, sie hätten bei der Anerkennung der Tatsache, dass Wind, Sonne und Effizienz die schnelleren, billigeren und sicheren Wege seien, um den Klimawandel zu bekämpfen, versagt. Brune erklärte ferner, welche Lehren aus Fukushima, Tschernobyl und Three Mile Island zu ziehen seien: Kernkraftwerke seien zu teuer, ihre Bauzeit daure zu lange und sie seien zu riskant. Aus diesem Grund setze Deutschland, eine der größten Wirtschaftsnationen der Welt, alles auf die Erneuerbaren Energien und schalte die gefährlichen Kernkraftwerke ab.

Einen weiteren Aspekt fügte Joseph Romm, in den USA der angeblich führender Klima-Blogger, hinzu. Er schrieb, dass nicht die grüne Bewegung den Bau von Kernkraftwerken in den USA in den letzten Jahrzehnten verhindert habe, sondern dass die Kernkraft in den marktorientierten Ländern in eine Sackgasse geraten seien, da sie nicht in der Lage waren, ein wettbewerbsfähiges Produkt zu liefern.

In den USA werden etwa 20 Prozent des Stroms durch Kernkraftwerke erzeugt. Neue Kernreaktoren werden in Georgia und South Carolina gebaut. Derzeit niedrige Gaspreise, Japans Fukushima Daiichi Katastrophe und auch andere Faktoren lassen die Aussichten für einen umfangreich Ausbau von Kernkraftwerken jedoch düster erscheinen, meint Andrew Revkin.

Zum Nachlesen:

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