Brueggemann

Lynchmob. Man konnte es kommen sehen.

Ben Becker steht derzeit für einen ZDF-Spielfilm auf dem ehemaligen Betriebsgelände des Unternehmens Nestlé in Ludwigsburg (Baden-Württemberg) vor der Kamera. Er sagte zu BILD: „Ich sitze hier am Set in meinem Wohnwagen, und draußen stehen Leute und rufen, wo der Becker ist. Das macht Angst. Wer weiß, was noch alles passieren wird. Aber viel schlimmer ist, was meine Schwester ertragen muss. Sogar Morddrohungen!“

Meret Becker gehörte zu der Gruppe von ursprünglich 53 Schauspielern die unter dem Titel #allesdichtmachen #niewiederaufmachen #lockdownfürimmer mit einem ironisch gemeinten Clip den Blick auf Menschen lenken wollte, die unter den Folgen der Coronapolitik leiden, ihre Existenz verlieren oder Selbstmordgedanken haben.

Seit dem 22. April macht der Youtube-Kanal mit dem Namen #allesdichtmachen von sich reden. Zu sehen sind in den kurzen Clips Schauspielgrößen wie etwa Jan Josef Liefers, Richy Müller oder Wotan Wilke Möhring. Ihre Videoinhalte sind unterschiedlich, ihre Botschaft hingegen sehr ähnlich: In satirischem Ton kritisieren sie Politik, Gesellschaft und Corona-Maßnahmen.

https://www.youtube.com/channel/UC3_dHQpx8O9JT2LW1U2Beuw/videos

Die bösartigen, hasserfüllten Reaktionen auf die Videos der Schauspieler führten dazu, dass einige von ihnen ihr Video zurückzogen, darunter auch Meret Becker.

„Was da auf Twitter vor unseren Augen passiert, ist die Wiederkehr des Lynchmobs. Ich bin entsetzt über diese Entwicklung, aber man konnte sie kommen sehen“, lautet das Resümee von Dietrich Brüggemann.

Manchen Journalisten und Politikern geht die Hasskampagne zu weit

Manchen Journalisten geht die Hasskampagne zu weit. Georg Restle, Redaktionsleiter Monitor (ARD), twitterte am 23. April 2021: „Die Debatte um #allesdichtmachen zeigt, wie sehr wir im schwarz/weiß gefangen sind. Man kann sich für wirksame Corona-Maßnahmen einsetzen und trotzdem vor einem neuen Untertanengeist warnen. Zu komplex für viele. Leider. Und es liegt mir fern, jedes dieser Videos zu verteidigen“.

Die Schauspieler erhielten viel Zuspruch aus der Bevölkerung und auch von Politikern. In der Talkshow „3 nach 9“ von Radio Bremen im NDR bezieht der Kanzlerkandidat und Ministerpräsident von NRW am 23. April zu der Aktion Stellung und stärkt laut Ruhr24 den Schauspielern den Rücken. Man dürfe das in einem freien Land sagen, wird er zitiert. „In Krisensituationen ist auch die Minderheitsmeinung gerade von Künstlern und Intellektuellen wichtig“. Den Vorwurf, dass die Schauspieler mit dem Youtube-Video zu #allesdichtmachen besonders Rechtsradikale und Querdenker ansprechen würden, habe Armin Laschet vehement ab.gewiesen.

Frauke Petry riet den Schauspielern: „Bleiben Sie als Schauspieler u. Symbol für soviele Bürger, die keine Stimme haben, standhaft. Keine Distanzierung von den Querdenkern, denn Sie haben sich mit ihnen zuvor auch nicht gemein gemacht.
Dem Shitstorm muss der Gegenangriff folgen, kein Zurückweichen!“

Im Corona-Krieg gibt es nur Freunde oder Feinde

Ein Zurückweichen wird die Schauspieler nicht vor der Boshaftigkeit des „Lynchmobs“ schützen; sie haben sich verdächtig gemacht, mit dem „Volksfeind“ zu kollaborieren. Man darf einfach nicht vergessen, dass wir uns in einem von Regierungen erklärten „Corona-Krieg“ befinden, der von der Wahnvorstellung geleitet wird, ein Erkältungsvirus durch Lockdowns und Impfungen ausrotten zu können.

Dietrich Brüggemann, Filmemacher und Mitinitiator der Initiative #allesdichtmachen, schrieb auf Twitter:

„Und warum unsere ganze Gesellschaft in einer Art Kriegszustand sein muss, in der die gesamte Zivilgesellschaft strammzustehen hat und nichts anderes mehr wichtig ist als der Kampf gegen den einen, maximalen Feind. Und wer fragt, ob dieser Feind wirklich so maximal ist und ob man den vielleicht auch mit anderen, zivilen Mitteln bekämpfen könnte, der ist ein Leugner und Volksfeind und muß an die Laterne gehängt werden. Ihr merkt gar nicht, was für Reflexen ihr hier nachgebt, aber das ist Teil des Problems.“

„Ihr spuckt auf all die, die ihre Existenz verloren haben“

Er sei nicht der alleinige Anstifter von #allesdichtmachen, sagt Brüggemann: „Nö, ich bin nicht. Es gab schon seit Monaten eine Gruppe, zu der ich irgendwann dazustieß. Und dann wurden es mehr. Alle Beteiligten wußten, wer alles dabei ist, und alle konnten vorher die Seite sehen.“ #allesdichtmachen sei viel weniger Kritik an den Maßnahmen und der Regierung, als an genau denen die jetzt laut und entrüstet bellen. „Ein voller Erfolg also.““, sagt er“

Brüggemann widerspricht denjenigen, die eine Verhöhnung der an oder mit Corona Verstorbenen vermuten. „Die Videos verhöhnen nicht die Opfer der Corona-Pandemie und auch nicht das medizinische Personal, sondern: Euch. Und Publikumsbeschimpfung ist die erste Aufgabe der Kunst. Die Reaktion zeigt: Es hat funktioniert.“

#allesdichtmachen – „Es hat eingeschlagen. An alle, die jetzt von „Verhöhnung“ schwurbeln: Ich schwurble jetzt auch mal. Ihr verhöhnt die Opfer. Ihr trampelt auf denen herum, die jetzt selbstmordgefährdet sind. Ihr spuckt auf all die, die ihre Existenz verloren haben.“

„Keins von diesen Videos handelt von der Pandemie. Aber sie ziehen das hohle Pathos durch den Kakao, mit dem wir uns seit einem Jahr konfrontiert sehen. Sie kritisieren die Gnadenlosigkeit, mit der alles, das jetzt den Bach heruntergeht, als zweitrangig abgetan wird. Hat euch Tod und Sterben jemals interessiert? War es euch bisher egal, dass um euch herum jeden Tag Menschen aus vermeidbaren Gründen gestorben sind? Aber auf einmal gibt es für euch nur noch dieses Thema?“

Der notorisch wiederkehrende Nazi-Vorwurf

Brüggemann erhielt am 24. April eine e-Mail von der dpa. Das Medien-Unternehmen bat ihn um eine Stellungnahme zur Kritik der Bildungsstätte Anne Frank, die bei Twitter eine seiner Aussagen in dem Clip #allesdichtmachen kritisiert hatte.

Die Bildungsstätte schreibt: „Nach 75 friedlichen Jahren sind uns die Geschichten längst ausgegangen, wir brauchen neue (…) also (liebe Politiker) lasst es eskalieren!“ (Dietrich Brüggemann, Filmregisseur). Kleiner als NS-Vergleiche geht es nicht? (…) Wir haben mehr als genug geschmacklose KZ-Uniformen, Anne-Frank-Vergleiche und Judensterne auf Querdenken-Demos gesehen. Promis, die bei ihrer Kritik jetzt mit NS-Vergleichen operieren, bestärken eine Szene, die ohnehin kaum noch Zurückhaltung kennt.)“

Brüggemanns Antwort (Auszüge):

„Man muß schon um einige Ecken denken, um in einen Verweis auf 75 friedliche Jahre einen NS-Vergleich hineinzukonstruieren. Aber selbst das geht an der Sache vorbei. Die Sache ist nämlich: Wir haben es hier nicht mit einem Sachreferat zu tun, sondern mit einem eindeutig ironisch gehaltenen Video. Inhaltlich ist es eine Travestie. Dramaturgisch: Komödie. Die Figur, die da steht, ist also eine Kunstfigur und sagt Dinge, die ich als Privatmann möglicherweise genau umgekehrt sehe. Aber nicht zwingend. Einige Aussagen sind „straight“ und uncodiert, andere stehen auf dem Kopf, andere sind ins äußerste Extrem übertrieben. Um herauszufinden, was was ist, müßte man den Text decodieren und mit seinen eigenen Vorstellungen abgleichen. Das ist die Aufgabe des Zuschauers in der Komödie.“

Darstellende Kunst

Brüggemann erklärt, dass die darstellende Kunst ihre Stoffe oft dort sucht, wo es Menschen schlecht geht. „Krisen sind Stoff für Bücher und Filme.“ In dem Video könne man diese Aussage finden.

„Was auch immer man aus dem Text herausliest – Komödie lebt stets von der optimistischen Annahme, daß es zwischen Werk und Publikum einen Grundkonsens gibt. Dieser wird in der Komödie stets aufs Neue getestet und neu austariert. Wer diesen Grundkonsens aufgibt und dem anderen nur noch Böses unterstellt, der spielt seine eigene Komödie, und die heißt: Von einem der auszog, überall Nazis zu entlarven. Und die ist ähnlich traurig wie die Geschichte vom Mann, für den die Welt aus Nägeln besteht, weil er nur einen Hammer besitzt.“

„Igendwie ein bißchen faschistoid, dieser Mob“

„Dieser Shitstorm kommentiert sich ohnehin selbst“, sagt Brüggemann und fügt hinzu: „Irgendwie ein bißchen faschistoid, dieser Mob.“

Als eines der ersten Medien meldete sich RND gegen „allesdichtmachen zu Wort. RND ist die Abkürzung für RedaktionsNetzwerk Deutschland, die Redaktion für überregionale Inhalte der Verlagsgesellschaft Madsack in Hannover, deren größte Kommanditistin die Deutsche Druck- und Verlagsgesellschaft, das Medienbeteiligungsunternehmen der SPD ist.

RND schleudert den Schauspielern wütend ihr vernichtendes Urteil entgegen: „schlecht geschriebene Texte“, „dummes Zeug“, „saublöder Irrtum“, „Wutbürgerparlando“: „53 deutsche Stars lästern über die Angst vor Corona. Darunter sind Schauspieler wie Jan Josef Liefers und Heike Makatsch. Die AfD und andere Schwurbler jubeln. Dabei zeigt die ironisch gemeinte Aktion nur eins: Ruhm und Erfolg schützen nicht vor Pech beim Denken.“

Ein bemerkenswertes Interview führte der WDR mit Jan Josef Liefers. Der Moderator demonstriert, was die regierungsnahe Community der Journalisten unter „Haltung“ versteht. Über den „Kollegen“ Liefers zeigt er sich verärgert. Dem Schauspieler gelingt es dennoch, den Kerngedanken des Projekts #allesdichtmachen #niewiederaufmachen #lockdownfürimmer ruhig zu begründen.

Die WDR LIVE-Übertragung vom 23.04.2021 wurde 283.321 mal aufgerufen und erhielt nur 2275 „Likes“, aber 10.380 „Dislikes“

Der WDR Rundfunkrat fordert Berufsverbote

Es scheint nahezu ausgeschlossen, dem WDR und dem WDR-Rundfunkrat (Garrelt Duin, SPD, Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer zu Köln, bis 2017 Wirtschaftsminister in NRW) zu erklären, dass Kritik an den Coronamaßnahmen keine Majestätsbeleidigung ist und Kritiker keine „Volksfeinde“ sind. So forderte zum Beispiel der WDR-Rundfunkrat Garrelt Duin auf Twitter, dass man die Schauspieler wegen ihrer Meinung mit einem Berufsverbot bestrafen sollte. Er sagte:

„Jan Josef Liefers und Tukur u.a. verdienen sehr viel Geld bei der ARD, sind deren Aushängeschilder. Auch in der Pandemie durften sie ihrer Arbeit z.B. für den Tatort unter bestem Schutz nachgehen. Durch ihre undifferenzierte Kritik an ‚den Medien‘ und demokratisch legitimierten Entscheidungen von Parlament und Regierung, leisten sie denen Vorschub, die gerade auch den öffentlich-rechtlichen Sendern gerne den Garaus machen wollen.“ Deshalb fordert Duin Konsequenzen für die Schauspieler. Sie hätten sich als Vertreter der öffentlich-rechtlichen Sender „unmöglich“ gemacht. Die zuständigen Gremien müssten die Zusammenarbeit – „auch aus Solidarität mit denen, die wirklich unter Corona und den Folgen leiden – schnellstens“ beenden.

Daraufhin entlud sich ein Shitstorm gegen den SPD-Politiker. Der Tweet wurde mittlerweile gelöscht. (Berliner Zeitung). Garrelt Duin räumte danach ein: „Der Tweet heute Morgen war Mist. Inhaltlich überzogen und meiner Rolle als Mitglied im Rundfunkrat nicht angemessen. Meine Kritik, dass angesehene Leute sich leichtfertig in die Nähe von Querdenkern und anderen Trollen begeben haben, bleibt.“

Das ist keine Entschuldigung. Im Gegenteil, Duin setzte noch einmal nach. Ist es der Auftrag des WDR, von der Regierung abweichende Meinungen zu bekämpfen?

Weitere Beispiele für reaktionäre, politische Reflexe

Sämtliche Screenshots, 23. April 2021, 8:30 Uhr


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