Merkel wusste vom bevorstehenden Impfstopp für Astrazeneca schon Tage vorher

Die Bundesregierung beschloss am Dienstag, das Astrazeneca-Vakzin nur noch an Menschen über 60 Jahre zu verimpfen. Hintergrund sind Thrombose-Fälle vor allem bei jüngeren Frauen. Bei 2,7 Millionen verabreichten Astrazeneca-Dosen wurden 31 Verdachtsfälle einer Hirnvenenthrombose gemeldet. In neun Fällen verlief die Erkrankung tödlich.

Merkel habe schon Tage vorher gewusst, dass Astrazeneca wieder gestoppt werden muss. „Das Kanzleramt um Angela Merkel und Helge Braun wusste laut einem ZDF-Bericht offenbar schon seit Freitag, dass der Impfstoff erneut teilweise gestoppt werden müsse.“ ZDF: „Angela Merkel und Helge Braun waren früh informiert über die Notwendigkeit, Astrazeneca wieder zu stoppen. Sie taten – erstmal nichts. Rekonstruktion eines Entscheidungsprozesses.“

Seit Mittwoch darf der Impfstoff des britisch-schwedischen Pharmakonzerns Astrazeneca nur noch Über-60-Jährigen verabreicht werden.

Im „Spiegel“ nahm der Chef der Ständigen Impfkommission, Thomas Mertens, derweil Stellung zu den wechselnden Empfehlungen seines Expertengremiums bezüglich des Astrazeneca-Vakzins. „Das in Deutschland für die Sicherheitsüberwachung zuständige Paul-Ehrlich-Institut (PEI) hatte ein sehr deutliches Signal erkannt, darauf musste die Stiko reagieren“, sagte Mertens. Einen Imageschaden für die Impfkampagne sehe er nicht. „Die aktuelle Situation zeigt doch, dass das Sicherheitssystem in Deutschland funktioniert. Er finde es schade, „dass hier nur das Negative betont wird“.

Demnach habe die Ständige Impfkommission (Stiko) dem Kanzleramt am Freitagmorgen mitgeteilt, dass man Impfungen mit Astrazeneca „aller Wahrscheinlichkeit nach“ für bestimmte Altersgruppen stoppen werden müsse. „Am Freitag fand ein Gespräch zur Information zwischen Prof. Mertens und dem Bundeskanzleramt statt“, bestätigt eine Sprecherin der Stiko dem ZDF. Im Kanzleramt habe danach Krisenstimmung geherrscht. Allen sei klar gewesen, dass eine solche Entscheidung massive Auswirkungen auf die ohnehin zu langsam laufende Impfkampagne haben werde.

Hinausgezögert

Das Kanzleramt zögerte offenbar und bat die Stiko, zunächst Informationen von weiteren Experten einzuholen, bevor man ein weiteres Mal einen Impfstopp für Astrazeneca ausrufe. „Angesichts der nationalen Tragweite der Entscheidung bat die Bundeskanzlerin darum, auch die Expertise des Ethikrates und der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina hinzuziehen“, bestätigt eine Regierungssprecherin dem ZDF.

Zu Beginn der Woche verhängten immer mehr Städte einen vorläufigen Impfstopp, Daraufhin berufen Merkel und Gesundheitsminister Spahn für Dienstagabend einen Sondergipfel ein. Dort wird dann entschieden, Astrazeneca nur noch bei Über-60-Jährigen zu verwenden. Die Stiko hatte zuvor bereits seine Empfehlung geändert – Bund und Länder folgten der Empfehlung schließlich am Abend.

Seitdem die Stiko das Kanzleramt am Freitag über die Bedenken informierte, erhielten laut RKI über 300.000 weitere Menschen eine Dosis des Impfstoffes.

Das neue Qualitätssiegel: Impftempo

Es komme jetzt auf die Umverteilung an, um das Impftempo nicht zu gefährden. „In Deutschland gibt es genug Menschen ab 60 Jahren, die sich gegen Covid-19 impfen lassen wollen und noch nicht geimpft sind. Sie können den Impfstoff von Astrazeneca erhalten. Es fallen also keine Impfdosen weg“, betonte Mertens laut Spiegel.

Jüngere Menschen könnten „gemeinsam mit dem impfenden Arzt nach ärztlichem Ermessen und bei individueller Risikoanalyse nach sorgfältiger Aufklärung entscheiden, mit Astrazeneca geimpft werden zu wollen“, hieß es in dem Beschluss.

Das Impftempo wird durch die WHO forciert. Die Bereitstellung der Impfstoffe sei „inakzeptabel langsam„, teilte WHO-Regionaldirektor Hans Kluge laut Focus in Kopenhagen mit. „Lassen Sie es mich klar ausdrücken: Wir müssen den Prozess beschleunigen, indem wir die Produktion hochfahren, die Hindernisse für die Verabreichung der Impfstoffe verringern und jetzt jedes einzelne Fläschchen gebrauchen, das wir auf Lager haben.“

Solange der Umfang der Impfungen gering bleibe, müssten dieselben sozialen und gesundheitlichen Corona-Maßnahmen wie in der Vergangenheit Anwendung finden, um die Verspätungen der Impfpläne auszugleichen. Impfungen zusammen mit fortgesetzten Maßnahmen würden die Pandemie letztlich zu einem Ende bringen.

Die WHO Europa rechnet insgesamt mehr als 50 Länder zur europäischen Region. In diesem Gebiet haben nach WHO-Angaben bislang nur rund 10 Prozent der Gesamtbevölkerung ihre erste Impfdosis erhalten, lediglich 4 Prozent sind vollständig geimpft.

Zur Werbeunterstützung wurde Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier bemüht, der sich im Berliner Bundeswehrkrankenhaus den Nachrichten zufolge im Bundeswehr-Krankenhaus in Berlin mit dem Impfstoff von Astrazeneca gegen das Coronavirus impfen ließ. Der Bundespräsident appellierte im Anschluss an alle Bürger, seinem Beispiel zu folgen: „Ich vertraue den in Deutschland zugelassenen Impfstoffen“, betonte er in einer Mitteilung. „Heute habe ich meine Erstimpfung mit Astrazeneca erhalten. Das Impfen ist der entscheidende Schritt auf dem Weg aus der Pandemie. Nutzen Sie die Möglichkeiten. Machen Sie mit!“

Keine Rückverfolgung zum Verursacher im Schadensfall möglich

Um das Impftempo nicht weiter zu verlangsamen, hat die Ständige Impfkommission (Stiko) jüngeren Geimpften ein anderes Vakzin für die Zweitimpfung empfohlen. Unter 60-Jährigen solle nach zwölf Wochen anstelle der zweiten Astrazeneca-Impfstoffdosis eine Dosis der Vakzine von Biontech/Pfizer oder Moderna verabreicht werden, teilte das Gremium am Donnerstag mit.

https://m.focus.de/gesundheit/coronavirus/impfung-gegen-corona-astrazeneca-gestoppt-merkel-wusste-es-schon-tage-vorher_id_12775218.html

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