AfD-Krimreise im Dienste der Verständigungspolitik?

AfD-Krimreise

Im Dienste der Verständigungspolitik oder des eigenen Geltungsbedürfnisses?

Die Reise der Landtagsabgeordneten auf die Krim fand, wie von ihnen erhofft, große mediale und politische Beachtung. Der Polittourismus vieler politischer Zweitligisten – die Erstligisten reisen direkt nach Moskau – auf die Halbinsel (Linke, EU-Parlamentarier) hat lange Tradition. Es bestehen wenig Zweifel, dass es den Volksvertretern wohl eher um die eigene Wichtigkeit und weniger um das edle Ziel der Völkerverständigung ging. Zu diesem Schluss kommt die neue Recherche von Peter Colombo. Der fleißige Parteiendetektiv empfiehlt dem Leser, zu den unten stehenden Namen entsprechende Youtube-Beiträge ergänzend zu studieren.

 

Privat, ohne Bundesauftrag und vorheriger Ankündigung

Offiziell folgte die “Delegation” der Einladung von Juri Konstantinowitsch Hempel, dem Vorsitzenden der 2.400 Personen zählenden Deutschen Gemeinde Krim. Einen deutschen Youtube-Vortrag des Chefs oder eine deutschsprachige Version der Webseite www.deutsche-krim.ru wird der Leser vergeblich suchen.

Die Delegation wollte sich ein “Bild über die Lage der Menschen und über die westlichen Russland-Sanktionen auf der nicht von Russland besetzten Halbinsel” machen.

Die Ostreise wurde vorher nicht publik gemacht, sicherlich damit die mediale Wirkung nicht im Vorfeld verpuffte. Das blaue AfD-Fähnchen packten die Privatreisenden erst vor Ort aus.

Einigen Bundesgranden der Partei gefiel diese Eigenständigkeit ganz und gar nicht, wie zum Beispiel Jörg Müller, der eigene Ambitionen mit der Region Osteuropa verbindet, vorläufig aber mit dem Geschäftsführerposten gut versorgt ist.


Der Gruppen-Berichterstatter und Landtagsneuling Roger Beckamp freut sich über die Aufmerksamkeit in den russischen Medien und schwärmt über zahlreiche wertvolle Begegnungen. Vom kleinen Mann auf der Straße bis hin zum Gouverneur Axjonov, der sich für den “Aufklärungsbesuch” bedankte und für ein Gruppenphoto zur Verfügung stand. Für Kenner ist das leider noch kein Ritterschlag, da Moskaus erster Mann das inflationär mit jeder größeren westlichen Reisegruppe tut.

 

Der Exodus der Russland-Deutschen stand nicht auf der Agenda

Die Frage, warum so viele Russland-Deutsche trotz ihrer in die AfD gesetzten Hoffnungen in ihre alte Heimat zurückkehren – die Rede ist von 500.000 Personen – wurde vom Sprecher nicht behandelt. Ist dieser Tatbestand der AfD peinlich, oder hat sie den Exodus gar nicht bemerkt? Auch in Deutschland ist nichts über Aktivitäten der blauen Erneuerungspartei bekannt, die die Landsleute aus dem Osten zum Bleiben bewegen würden.

 

Kein Wirtschaftsvertreter mit an Bord

Alt ist auch der Ruf (Linke sind hier längst am Ball!) der Privatreisenden nach dem Ende der Russland-Sanktionen. Gut ins Programm würde die Mitnahme eines betroffenen Mittelständlers passen, was es bei den vorherigen Reisen der vielen Dissidenten noch nicht gab. Die Auswahl eines Interessenten wäre – der Bundesverband Mittelständische Wirtschaft (BVMW) hätte hier entsprechende Listen – sicherlich groß. Leider zeigt die AfD (noch?) kaum Berührungspunkte zur realen Wirtschaft. Das Mittelstandsforum der Blauen, ein Sammelsurium undefinierter “ökonomisch Tätiger”, erinnert eher an eine irreführende Wortkreation und ist nicht mit dem Bundesverband mittelständische Wirtschaft – Unternehmerverband Deutschlands e. V (BVMW) vergleichbar.

 

“AfD Krim” bleibt die Ausnahme – “AfD Schlesien” wird es wohl nicht geben

Mit dem Terminus “AfD Krim”, der nur zu oft in Verbindung mit der Russlanddeutschen AfD zu sehen ist, wird die Partei nicht nur bei den Balten oder Polen auf kein Verständnis stoßen.

Wer hier ein wenig nachforscht, gewinnt den Eindruck, diese Gruppe innerhalb der Partei lässt sich von den hiesigen Partei-Profis für ihre Karrierezwecke instrumentalisieren. Warum das so gravierend anders als bei den Aussiedlern aus Schlesiern und Ostpreußen ist, die ihr Profil ohne fremde Hilfe selbst kreieren, kann nur vermutet werden. Vielleicht werden unsere leistungsstarken und genügsamen Landsleute aus dem Osten erst in der zweiten Generation richtig in Deutschland ankommen? Wenn sie zwischendurch nicht alle auswandern.

Wie dem auch sei. So sprechen Roger Beckamp

und Nick Vogel

völlig unerwartet zu den lieben Russisch sprechenden Landsleuten. Umgekehrt – die Russland-Deutschen bedanken sich bei den Hiesigen – ist nichts Vergleichbares zu vernehmen. Offensichtlich bedienen sich die Profis der Mittelsmänner unter dieser Aussiedlergruppe, hieven diese über ihre Netzwerke auf aussichtreiche Listenplätze auf den Landes- und Bundeslisten und greifen selber auf das Stimmpotential der Ostmitglieder zurück – eine in der Ökonomie bekannte klassische Win-Win-Situation. In NRW zählt wohl der in Kasachstan geborene Jungstar Eugen Schmidt, Listenkandidat Nr. 17, zu diesen Mitarbeitern – das ergab die Recherche des Autors.

Gefährliche Nachahmereffekte?

Der “halb eigenmächtige” Ausflug der Landtagsabgeordneten fördert noch einen weiteren heiklen Aspekt zutage. Wenn die Herren Abgeordneten den Namen der Partei werblich nutzen dürfen, wie steht es hier mit privaten Webseiten und Youtube-Kanälen der normalen Mitglieder? Informationsplattformen zur direkten Vernetzung der Mitglieder sollten vom Bundesvorstand unter Androhung hoher Bußgelder bereits untersagt worden sein. Andererseits dürfen wiederum andere als privat deklarierte Kanäle ungehindert florieren.

Gibt es also in der AfD gleiche und weniger gleiche Mitglieder?

 

Peter Colombo – Parteiendetektiv

 

Titelfoto: kolart2101

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