Deutscher Ärztetag fordert wissenschaftliche Forschung zu den gesundheitlichen Auswirkungen von Infraschall und tieffrequentem Schall von Windenergieanlagen (WEA)

Das Beschlussprotokoll des 118. Deutschen Ärztetages in Frankfurt am Main vom 12. bis 15.05.2015 liegt nun als pdf-Datei vor. Der Ärztetag befasste sich unter anderem auch mit möglichen gesundheitlichen Auswirkungen der Windenergie auf die Gesundheit und fasste seine Forderungen in einem Entschließungsantrag von Dr. Bernd Lücke (Drucksache VI – 106) zur weiteren Beratung an den Vorstand der Bundesärztekammer zusammen:

Berücksichtigung des gesamten Lebenszyklus der erneuerbaren Energieformen

Der Ärztetag fordert, dass bei den erneuerbaren Energieformen der “gesamte Lebenszyklus dieser Technologien von der initialen Rohstoffbereitstellung bis hin zur Entsorgung in die Planungen und Risikoabwägungen” einbezogen werden. Dieses erfordere “wissenschaftlich fundierte Erkenntnisse zu möglichen gesundheitlichen Auswirkungen, um eine bewusste Abwägung von Nutzen und Zumutbarkeit von validen Beeinträchtigungen sowie Risiken vornehmen zu können.”

Eine gesundheitliche Unbedenklichkeit der Schallimmissionen ist derzeit nicht nachgewiesen

Die Ärztkammer übt Kritik, dass es für die Immissionen im tieffrequenten und Infraschallbereich bisher keine belastbaren unabhängigen Studien gebe, die mit für diesen Schallbereich geeigneter Messmethodik die Wirkungen auch unterhalb der Hörschwelle untersuchen. “Somit ist eine
gesundheitliche Unbedenklichkeit dieser Schallimmissionen derzeit nicht nachgewiesen.”

Der 118. Deutsche Ärztetag 2015 fordert daher in seinem Entschließungsantrag die Bundesregierung auf, “die Wissenslücken zu den gesundheitlichen Auswirkungen von Infraschall und tieffrequentem Schall von Windenergieanlagen (WEA) durch wissenschaftliche Forschung zu schließen sowie offene Fragen im Bereich der Messmethoden zu klären und gegebenenfalls Regelwerke anzupassen.”

Forderung: Stopp eines zu nahen Ausbaus an Siedlungen, bis hinreichend belastbare Daten vorliegen

Die Ärzte halten die technische Anleitung zum Schutz gegen Lärm (TA-Lärm) für unzureichend und reformbedürftige; sie könne nicht noch weiterhin als Schutzvorschrift dienen.

Wichtig ist der Hinweis des Ärztetages, dass auch der Körperschall (= tieffrequente Festkörpervibrationen von 100 Hz bis 0,1 Hz), der “in gefährlicher Form” von den modernen Windenergieanlagen ausgeht. Die Ärzte betonen, dass Körperschall auch schon entsteht, wenn die Rotoren der WEA noch gar nicht laufen, “allein bedingt durch die Biegeschwingungen der extrem hohen Türme der Anlagen. Er wird über die Fundamente in den Umgebungsboden übertragen. Je nach topologischer und geomorpher Situation (Bodenschichtungen) am Standort solcher Anlagen, kann der Körperschall ohne weiteres bis 10 km und weiter als Immission in die Wohnbebauung eingetragen werden.” Gesundheitliche Probleme könnten daher schon bei sehr niedrigen Pegeln auftreten.

Im Rahmen von Messungen zur Beurteilung der Gesundheitsgefahr müssen nach Ansicht der Ärzte “zukünftig immer zusätzlich zu den Außenmessungen auch Innenmessungen in den Häusern durchgeführt werden (an Stelle der bisher hier üblichen Praxis von akustischen Berechnungen).”

Transparenz

In elf Kernzielen verdeutlichen die Ärzte ihre Forderungen: Sie fordern zum Beispiel eine systematische, transparente, ergebnisoffene, empirische Erforschung des in den menschlichen Organismus eindringfähigen niedrigen Frequenzbereiches, die “Vernetzung mit den im Ausland schon seit Langem auf diesem Gebiet forschenden Gruppen” und ein “Stopp eines zu nahen Ausbaus an Siedlungen, bis hinreichend belastbare Daten vorliegen, die eine Gefährdung sicher ausschließen.”

Der Entschließungsantrag wurde zur weiteren Beratung an den Vorstand der Bundesärztekammer überwiesen.

Quellen:

 

 

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