IPCC 2011 – Erneuerbare Energie kann weltweiten Energiebedarf nicht decken

Greenpeace war begeistert und jubelte, als der Weltklimarat IPCC (Intergovernmental Panel on Climate Change) seine Studie zur erneuerbarer Energien in einer 30-seitigen Zusammenfassung am 9.5.2011 in Abu Dhabi vorstellte. Mitautor Sven Teske von Greenpeace International sagte: “Der Report zeigt, dass es wissenschaftlich keine Probleme gibt, die Welt mit alternativen Energien zu versorgen”. Dies ist nicht nur ein wenig übertrieben, denn selbst im günstigsten Fall errechnete das IPCC für das Jahr 2050 nur etwas mehr als drei Viertel aller Energie, die aus alternativen Quellen stammt. Für Stephan Singer von der Umweltstiftung WWF zeigt der Report die mögliche Kostenreduktion der Erneuerbaren ebenso auf wie die Möglichkeit für neue Jobs. “Der Report ist ein Meilenstein auf dem Weg zu 100 Prozent Erneuerbare Energien.”
Dieser Jubel spiegelt sich unisono in den Überschriften der Medien wieder:

  • “IPCC-Report: 77 Prozent erneuerbare Energien möglich.” (Focus)
  • “IPCC-Report: Klimarat hält Energiewende bis 2050 für möglich.” (Tagesspiegel)
  • “Energiebericht: Weltklimarat setzt auf Erneuerbare Energien.” (Handelsblatt)
  • “Weltklimarat: 77 Prozent erneuerbare Energien möglich.” (manager-magazin)
  • “Weltklimarat IPCC: 77 Prozent Ökostrom bis 2050 – weltweit …” (fr-online)
  • “Weltklimarat: Erneuerbare Energie kann drei Viertel des Bedarfs …” (Zeit)
  • “Weltklimarat-Studie: Bis 2050 ist die Energiewende machbar … ” (br-online)

Lewis Page hat die Angaben des IPCC hinterfragt: Die positiven Zahlen seien aus der optimistischsten aller Varianten des IPCC für die Schätzung der zukünftigen Bedeutung der erneuerbaren Energien hergeleitet, unter der Annahme, dass die meisten Menschen der Erde weiterhin in großer Armut lebten (“However this is derived from the most optimistic possible scenario for renewables, and even then it requires most of the human race to remain in miserable poverty”. Page, Lewis: IPCC report, Renewables can never meet energy demand, The Register, 10.05.11)

Page kommt zu folgendem Ergebnis: Der gesamte Energieverbrauch betrage nach Angaben des IPCC zurzeit weltweit ungefähr 490 Exajoule pro Jahr (1 Exajoule entspricht 1 Trillion Joule).
Das IPCC gibt an, dass 13 Prozent aus erneuerbaren Energien stammen, wobei vermutlich ein hoher Anteil auf dem Verbrauch von nicht erneuerbarem und nicht nachhaltigem Erdöl beruht. Die tabellarische Darstellung der US Energy Information Administration weist dagegen nur 7,7 Prozent für die weltweite Energieproduktion aus erneuerbarer Energie aus. (U.S. Energy Information, eia)
Der IPCC Report geht in dem optimistischsten Szenario davon aus, dass die Erneuerbaren 2050 etwa 314 Exajoule pro Jahr liefern könnten, das wären 64 Prozent der laufenden Energieerzeugung. Die Angabe “close to 80 per cent by 2050” stützt sich auf die Annahme, dass die menschliche Rasse viel weniger Energie verbrauchen wird als heute. Diese Vorstellung sei nachvollziehbar, sagt Page, sofern es sich um Amerikaner handelt, die insgesamt etwa 100 Exajoule jedes Jahr verbrauchen, oder um Europäer, die einen ähnlichen Verbrauch haben, allerdings bei einer wesentlich größeren Bevölkerungszahl. Aber unglücklicherweise müsse sich der gesamte Rest der Menschheit das restliche Drittel der globalen Energieversorgung teilen, wobei das meiste davon an die kleine Anzahl der übrigen Industrienationen gehe. Dies bedeute, dass die große Mehrheit der menschlichen Rasse nur über sehr wenig Energie verfügen wird.

Milliarden von Menschen möchten verständlicherweise nachts Lichter einschalten, heizen, wenn es kalt ist, kühlen, wenn es heiß ist, ein funktionierendes Transportsystem haben, sichere und zum Kochen geeignete Nahrungsmittel, heiße Bäder oder Duschen und gewaschene Kleidung. Sie wünschen sich auch eine angemessene Anzahl von Jobs außerhalb der Landwirtschaft und ein energieintensives Gesundheitssystem wie in den USA oder in Europa. Wahrscheinlich würden sie sich auch über einen vergleichsweise unwichtigen Krimskrams wie IT-Ausrüstung oder gelegentliche Flüge freuen, sagt Page.

Würde jeder dieser sieben Milliarden Menschen genau so viel Energie verbrauchen wie zwei Drittel der Europäer, betrüge der Bedarf nach Schätzung des IPCC 770 Exajoule und nicht 407.
In einem realistischeren Scenario, das das Anwachsen der Weltbevölkerung berücksichtigt, wird die Energienachfrage in den industrialisierten Nationen weiter ansteigen anstatt zu fallen und, sofern die Armen der Welt – hoffentlich – einen Geschmack vom guten Leben erhalten, wird der Energiebedarf innerhalb von Jahrzehnten im Bereich von Zettajoule (1000 Exajoule) liegen.

Ausgehend von der Schätzung des IPCC, 2050 maximal 314 Exajoule durch erneuerbare Energie zu gewinnen, sei es realistischer davon auszugehen, dass die Erneuerbaren 2050 höchstens zu 20 Prozent zur weltweiten Energieversorgung beitragen werden.
Wenn wir also davon ausgehen, dass 80 Prozent des Energiebedarfs durch erneuerbare Energien abgedeckt werden, dann nur zu dem Preis, dass die große Mehrheit der Menschen innerhalb einer Generation von der Erde verschwindet oder bettelarm dahin vegetiert.

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In diesem Zusammenhang fallen mir die Worte des ehemaligen Bundespräsidenten, Horst Köhler, nach seinem Besuch in Afghanistan ein, über die die Süddeutsche Zeitung, heute vor genau einem Jahr, berichtete: “Die Frage des Radiojournalisten auf dem Rückflug freilich gilt der Diskussion, ob ein weitergehendes Mandat der Bundeswehr in Afghanistan nötig sei, “weil wir uns inzwischen in einem Krieg befinden”. In seiner weitschweifigen Antwort verneint Köhler dies, kommt nach eineinhalb Minuten dann zu den verhängnisvollen Worten, “dass ein Land unserer Größe mit dieser Außenhandelsorientierung und damit auch Außenhandelsabhängigkeit auch wissen muss, dass im Zweifel, im Notfall auch militärischer Einsatz notwendig ist, um unsere Interessen zu wahren, zum Beispiel freie Handelswege, zum Beispiel ganze regionale Instabilitäten zu verhindern, die mit Sicherheit dann auch auf unsere Chancen zurückschlagen negativ durch Handel, Arbeitsplätze und Einkommen“. ” (Horst Köhler und der Afghanistan-Einsatz, in: Süddeutsche, 31.05.10)

ZEIT: „Dass der Report gerade in der Hauptstadt der Vereinigten Arabischen Emirate verabschiedet wurde, ist kein Zufall. Der Staat strenge sich sehr an, seinen Energiemix zu verändern, und sei dabei, eines der führenden Länder im Bereich saubere Energie zu werden, sagte der Politische Direktor der Emirates Wildlife Society, Tanzeed Alam, die in Kooperation mit dem World Wide Fund for Nature (WWF) arbeitet.
Die Ökostadt Masdar unweit von Abu Dhabi soll eine klimaneutrale Musterstadt für alternative Energietechnik werden. In der Praxis wurde davon bislang allerdings wenig umgesetzt, wie der Tagesspiegel am Montag berichtete. Auch die Firma Siemens ist an dem Bau der Ökostadt beteiligt. Zudem hat die Internationale Agentur für Erneuerbare Energien (IRENA) ihren Sitz in dem Wüstenstaat.“ (in: Zeit Online, 9.5.11)

zuerst veröffentlicht: 31.05.2011

Lewis Page ist Ingenieur. Er beschäftigt sich mit dem Klimawandel, ist ein “Klimaskeptiker” und schreibt für The Register (“The Register is a leading global online tech publication, with more than nine million monthly unique browsers worldwide. The core audiences are the UK and US, accounting for more than 6m. The bulk of the remaining readership are located in Canada, Australia and northern Europe.”)

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