Der Medienkater

William Arkin ist sicher, dass die Gesellschaft einen gigantischen Medienkater haben wird, sobald Trump die Bühne verlassen haben wird und die Medien von ihrer Trump-Obsession befreit sind. Einer der angesehnsten Journalisten der USA hat sich von NBC News verabschiedet und aus seinem Job zurückgezogen.

Den Ausstieg William Arkins bei NBC News bezeichnet AOL als “dramatisch”. Die Tatsache, dass dieser über die Grenzen der USA hinaus bekannte Journalist die Medienbühne freiwillig verlässt, erregt Aufsehen. Noch aufregender ist aber die Begründung seiner Entscheidung. Sie trifft nicht nur NBC, sondern alle Medien an ihrer empfindlichsten Stelle, der Glaubwürdigkeit.

Die Welt und der Zustand des Journalismus befinden sich in einer “Tandemkrise”, sagt der Journalist und Autor William Arkin. Und er brauche jetzt eine Pause vom Medienbetrieb, denn er finde sich mit dem Netzwerk nicht in völliger Übereinstimmung.

In einem öffentlichen Brief an NBC News erklärt William Arkin den Grund für seinen Abschied von dem US-amerikanischen Hörfunk- und Fernseh-Network. Die US-Medien reagieren betroffen.

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Kein Trump-Zirkus

“Ich bin weder ein Tagesreporter noch interessiere ich mich für den Trump-Zirkus”, sagt William Arkin. Als “Trump-Zirkus” bezeichnet Arkin die Medien wegen ihrer Anti-Trump-Obsession.

“Durch unseren täglichen Trubel und in Geiselhaft als Gefangene von Donald Trump, denke ich wie jeder andere, dass uns viel entgeht.” (“In our day-to-day whirlwind and hostage status as prisoners of Donald Trump, I think – like everyone else does – that we miss so much.”)

AOL hat den Sinn dieses Satzes anders verstanden und schreibt: “NBC News-Veteran verlässt Netzwerk und sagt, Medien seien zu “Gefangenen von Donald Trump” geworden.” Arkin kommentiert auf Twitter: “AOL Entertainment”.

Menschen, die das Medium oder den Druck nicht verstehen, meinen lautstark, sagt Arkin, dass es an der Kontrolle des Unternehmens liegt, oder noch schlimmer, dass es parteilich ist. Manchmal scherze er als Reaktion auf Freunde von außen (und auf Regierungsquellen), wenn sie mit dem Wort “Parteianhänger” meinen, dass es New Yorker und Washingtoner gegen den Rest des Landes sind, dann haben sie recht.

William Arkin ist ein weiterer Mainstream-Medien-Whistleblower,
nachdem der frühere Redakteur der New York Times in derselben Woche wie Arkin zugegeben hatte, dass die Zeitung alle journalistischen Standards durch eine absichtliche Anti-Trump-Agenda vermieden habe.

Fachwissen nicht gefragt

Arkin ist einer der führenden Militärexperten Amerikas, der während des Kalten Krieges im West-Berliner Militärdienst gearbeitet hatte. Seitdem hat er mehr als ein Dutzend Bücher geschrieben, Hunderte von Militär-, Geheimdienst- und Regierungsbeamten informiert und war an unzähligen Enthüllungen beteiligt. Bei seiner Arbeit für die Washington Post konzipierte und verfasste er eine wegweisende Untersuchung. Er schrieb gemeinsam mit Dana Priest den gleichnamigen nationalen Bestseller
Top Secret America“.

Er habe den Eindruck, dass sein Fachwissen im Moment wenig geschätzt werde, sagt Arkin. Und dies, obwohl es für die Herausforderungen und Gefahren, mit denen er uns alle konfrontiert sieht, zentral zu sein scheine.

Für sich und seine Kollegen sah Arkin als eine intellektuelle Herausforderung, wie sie über die neuen Kriege der USA berichten könnten, wenn es keine wirklichen Fronten und keine tatsächlichen Erfolgsmaßstäbe gibt.

Das Establishment entsandte Trolle, um den NBC-Journalisten in den sozialen Medien zu diskreditieren. Der Journalist Glenn Greenwald erinnerte Kritiker jedoch an Arkins frühere preisgekrönte Arbeit mit der Washington Post:

“Gegen den schleichenden Faschismus”

Lange bevor Trump und “Deep State” ein Begriff geworden seien, habe er eine äußerst umfangreiche Untersuchung – “Top Secret America” – für die Washington Post durchgeführt. Außerdem habe er ein böses Buch – American Coup – über den schleichenden Faschismus der inneren Sicherheit” geschrieben, sagt Arkin in seinem Brief. Er habe aber das Gefühl, dass er es versäumt habe, die Hoffnungslosigkeit “unserer” Arbeitsweise zu vermitteln.

Arkin, der NBC nicht zum ersten Mal verlassen hat, war 2016 zu Beginn der Präsidentschaftskampagne zu NBC zurückgekehrt, um, wie er sagt, der neuen Ermittlungsabteilung beizutreten. Er dachte, dass die Mission darin bestand, “die Maschinerie der ewigen Kriegsakzeptanz zu durchbrechen, um Hillary Clintons Habichte zu hinterfragen”.

Aber dann sei Trump gewählt und die Investigationen seien “in den twitternden Wirbel hineingezogen” worden. Der habe “sich zunehmend in einem richtungslosen Adrenalinrausch” verloren.

Das nationale Sicherheitssystem hat nach Ansicht Arkins unter Trump nicht nur keinen Schlag versäumt, sondern tatsächlich eine gefährliche Macht gewonnen. Es sei jetzt autonomer und praktisch unzugänglich für Kritik.

“Ich akzeptiere, dass es hier viel zu berichten gibt, aber ich mache mir mehr Sorgen darüber, wie viel wir verschweigen”, sagt Arkin. “Daher mein Wunsch, einen Schritt zurückzutreten und zu überlegen, warum sich an den amerikanischen Kriegen so wenig ändert.”

Keine Sehnsucht nach dem kalten Krieg

Arkin verteidigt den US-Präsidenten Trump nicht, im Gegenteil. Er nennt ihn einen ignoranten und inkompetenten Hochstapler. (“Of course he is an ignorant and incompetent impostor.”) Und trotzdem zeigt sich Arkin in seinem Brief besorgt darüber, wie schnell NBC sich mechanisch einer Politik, die nur mehr Konflikte und mehr Krieg bedeutet, zuwendet.

Er kritisiert die gewaltige Opposition der Mainstream-Medien gegen Trumps Absicht, die Beziehungen der USA zu Russland und Nordkorea zu verbessern und US-Truppen aus Syrien abzuziehen.

“Wir sollten Syrien nicht verlassen? Wir sollten nicht den mutigen Schritt der Denuklearisierung der koreanischen Halbinsel unternehmen? Selbst wenn wir uns um Russland Sorgen machen sollten, dass die Demokratie so anfällig für Manipulation ist, sehnen wir uns wirklich nach dem Kalten Krieg? Und lassen Sie mich nicht erst mit dem FBI anfangen: Was? Wir machen jetzt diese historisch zerstörerische Institution zum Helden?”

Arkin nimmt die Medien und James Mattis in Verantwortung und zeigt auf, wie die Anti-Trump-Opposition und ihre Mainstream-Medienvertreter zu einer einheitlichen Kriegspartei geworden sind.

Arkins Aussage enthält den Vorwurf, dass auch NBC dasselbe Programm betreibe und Deckung für “zerstörerische Geheimdienste” und die Kriegsagenda leiste.

Er beschreibt die Berichterstattung von NBC im Krieg als “Berichterstattung über das Chaos”, die endlose US-Kriege im Nahen Osten und in Nordafrika “im Wesentlichen billigt”, und beschuldigt NBC, niemals über “die Misserfolge der Generäle und der Sicherheitskräfte der Nation” zu sprechen.

Es gab für Arkin ein größeres Problem, wie er selbst sagt: “Obwohl sie nichts produzieren, was der wirklichen Sicherheit und Sicherheit ähnelt, dürfen die nationalen Sicherheitsführer und Generäle, die wir haben, ihre Sache unbehelligt tun. Trotz des „Krieges“ entstehen keine großen Kriegsführer oder Visionäre. Es gibt niemanden in Washington, der behaupten kann, sie hätten Konflikte gewonnen oder gestoppt. Und dies, obwohl es die geliebten parfümierten Fürsten der Petraeus und Wes Clarks oder die sogenannten  wie Mattis und McMaster geben könnte. Wir hatten mehr als eine Generation von nationalen Sicherheitsführern, die leider und betrügerisch wenig bewirkt haben. Und doch umarmen wir (und andere) sie, sogar die hochparteilichen Gestalter, die sich als “Analytiker” verkleiden. Wir ignorieren die empirische Wahrheit dessen, was sie hervorgebracht haben: Es gibt kein Land im Nahen Osten, das heute sicherer ist als vor 18 Jahren. In der Tat wird die Welt immer polarisierter und gefährlicher.”

Medienkater

William Arkin hat das Gefühl, dass sich Smartphone- und Social-Media-Müdigkeit bereits im ganzen Land ausbreiten. “Ich schätze, dass nichts, was wir derzeit sehen – nichts, was bissig oder geschwätzig ist – unsere schrecklichen Herausforderungen der Informationsflut oder der Rolle (und der Natur) des Journalismus lösen wird.”

Er ist sicher, “dass die Gesellschaft einen gigantischen Medienkater haben wird, sobald Trump die Bühne verlässt. Für NBC – und für alle anderen – stehen also Herausforderungen und Chancen bevor”, sagt Arkin. Er möchte besonders gerne darüber nachdenken und schreiben.

Wie geht es weiter?

Arkin kritisiert nicht seine Kollegen bei NBC. Er sagt, er sei stolz auf die Arbeit, die er mit seinem Team geleistet habe, und wisse, dass es noch mehr zu tun gibt. “Aber jetzt ist es Zeit für eine Pause. Ich freue mich immer wieder darauf, wieder zu schreiben und zu denken, ohne die Hinterlistigkeit von redaktionellen Tyrannen oder Unternehmensstandards.”

Er habe in diesem Winter einen Verschwörungsroman zum 11. September fertiggestellt, an dem er seit über einem Jahrzehnt gearbeitet habe. “Es ist ein Roman”, sagt er, aber er meditiere über die Frage, wie Terroristen auf andere Weise zu verstehen sind. Und er macht zwei neue Bücherprojekte, eine Fiktion über einen einsamen Reporter und seine magische Quelle, die sich mit der Geheimhaltung und der Natur des Fernsehens befassen will. Außerdem schreibt er ein Sachbuch, einen ausführlichen Essay über die nationale Sicherheit und warum wir scheinbar nie unseren jetzt ewigen Kriegszustand beenden werden.

Nachtrag per Twitter

Auf Twitter kritisiert Arkin die schnelle Verbreitung seines Briefes, der eigentlich nur an die NBC-Kollegen gerichtet gewesen sei. Noch mehr kritisiert er, dass jetzt Dutzende von Artikelblöcken über seinen Brief geschrieben wurden, dass aber kaum einer dieser “Reporter” sich die Mühe gemacht habe, ihn für Kommentare oder Unterstützung zu kontaktieren und schreiben, wie sie wollen, womit sie erneut die aktuelle Krankheit des “Journalismus” beweisen.

Auf seinem Twitter-Account schreibt Arkin über sich: “Thinker/writer, not a fan of twitter.” Aber er twittert. Das ist kein “iderspruch, denn schließlich sagt ja auch über sich selbst: “I’m a difficult guy”.

“And for all you radio types and podcasters who can’t wait to have me on: you can! All in good time. Go read a book.” (twitter, 3. Januar)

 


 

 

Titelbild: geralt

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