Unfall einer Windkraftindustrieanlage in NRW – Gefahr von oben

Ein erneuter Unfall einer Windkraftindustrieanlage schreckt die Branche auf. Auf einem Feld bei Borchen-Etteln hat sich der dritte schwere Windrad-Unfall im Kreis Paderborn (NRW) innerhalb von zwei Jahren ereignet. Eigentümer der Anlage ist die Firma Enercon, Bauherr ist das örtliche Unternehmen Westfalenwind, das derzeit elf E-115-Typen im Kreis betreibt sowie insgesamt sieben in Etteln baut. Erst vor wenigen Wochen berichtete das ZDF MiMa über den Streit um Windräder in Borchen.

 

Unfallursache der Enercon E-115 bei Borchen-Etteln

Enercon habe zu der Unfallursache der Windkraftanlage bei Borchen-Etteln mitgeteilt, dass die Rotorblätter bei abschließenden Aufbau-Arbeiten beschädigt wurden, berichtet die Neue Westfälische (NW). Aus noch nicht geklärter Ursache sei die Anlage in Überdrehzahl geraten. Normalerweise sei der Motor arretiert, um das Drehen zu verhindern. „Irgendwas hat nicht funktioniert”, so ein Enercon-Sprecher gegenüber der NW.

Foto: BI Gegenwind Borchen

Informationen der Neuen Westfälischen zufolge hat möglicherweise starker Wind den Rotor ins Drehen gebracht. Dieser könnte ins Trudeln geraten sein, woraufhin die Rotorblätter gegen den Turm schlugen und dabei auseinander brachen. NW: “Mehrere Glasfaser-Kunststoff-Bruchstücke fielen zu Boden”.

Die Glasfaser-Teile zerfetzter Rotorblätter seien über eine riesige Fläche verstreut und oft sehr klein, berichtet die Bürgerinitiative Gegenwind Borchen. Sie dokumentiert Aufnahmen von der Unfallstelle auf ihrer Homepage. Die Bürgerinitiative bezeichnet die Havarie als eine echte Umweltkatastrophe, weil die gesamte Umgebung mit den winzigen Glasfaser-Teilchen kontaminiert wurde. Sie widerspricht der Darstellung von Enercon, dass die Rotorblätter lediglich abgebrochen und direkt zu Boden gestürzt seien: “Wie kann es dann sein, dass Teile über 500m weit fliegen?” Der Bereich um die Unglücksstelle wurde der NW zufolge in einem Radius von 500 Metern abgesperrt.

 

Eine Dekontaminierung des Feldes ist fast unmöglich

Die Schadenshöhe stehe noch nicht fest, teilte Enercon der Neuen Westfälischen mit. Die Feststellung dürfte schwierig sein, denn “wie will Westfalenwind sicherstellen, dass dieser ganze Müll wieder eingesammelt wird?”, fragt die Bürgerinitiative. Eine Dekontaminierung des Feldes wird nach ihrer Ansicht “fast unmöglich” sein. “Diese Glasfaserpartikel sind besonders gefährlich, wenn Tiere sie aufnehmen, da sie sehr scharfkantig sind.” Das gesamte Gebiet sei kontaminiert. Die nächste Heuernte im gesamten Gebiet sei in Gefahr. “Ebenso können Weiden für Kühe lebensgefährlich werden, sollen die Partikel dann noch überall herumliegen.” Aus Gründen der Sicherheit müsse “wohl auch Erde abgetragen werden.”

Über die Nahrungsmittelkette sind nicht nur Kühe, sondern auch Menschenleben gefährdet.

 

Glasfaserverstärkter Kunststoff (GFK)

Bei dem Windrad in Borchen handelt es sich um eine noch nicht in Betrieb genommene Anlage des Typs E-115 mit einer Nennleistung von 3.000 kW. Die Nabenhöhe beträgt 149 Meter, der Rotordurchmesser 115 Meter, so dass die Anlage insgesamt 207 Meter hoch ist. Die Rotorblätter einer Enercon E-115  bestehen im Wesentlichen aus glasfaserverstärktem Kunststoff (GFK). Das Innenblatt ist ein Voll-GFK-Bauteil, hergestellt im Faserwickelverfahren. Jedes Rotorblatt wiegt 25,5 t.

Glasfaserverstärkter Kunststoff (GFK) ermöglicht leichte, hochstabile Bauteile.  Er ist ein tauglicher  Werkstoff für den Anlagen- und Behälterbau, ebenso wie  für Bootsrümpfe  (Glasfasermatten), Rohre,  Dusch- und Badewannen, Tragflächen und Rümpfe von Segelflugzeugen, Rotorblätter in Windenergieanlagen, Fahrzeugteile (z. B. Motorhauben, Kotflügel), Bewehrungen im Betonbau,  Verkleidungen und Fassaden, Hangar- und Industrietore, Kühltürme, Spielplatzrutschen / Rutschbahnen, für Isolatoren, Ausleger von Bahnoberleitungen, Schaltschränke im Außenbereich, Schutzhülle für Antennen oder für Leiterplatten. Die Forderungen nach leichteren Bauteilen wachsen im Automobil-, Luftfahrt- und Maschinenbausektor und auch in anderen lndustriezweigen stetig. Aber GFK ist nicht ungefährlich, worüber jedes Datenblatt und auch die Berufsgenossenschaft für den Fachbereich Holz und Metall informieren.

In einem Internetforum suchte Marvin Rat: “Am Wochenende ist mir was wirklich blödes passiert – ich wollte eine Softbox zusammensetzen, braucht man zum Fotografieren. Das Ding sieht aus wie ein kleines Igluzelt und wird auch wie ein solches mit flexiblen Stangen aufgebaut, Glasfaserstäbe sind das glaube ich. Beim Aufbauen bin ich mit dem rechten Zeigefinger an einer der Stangen entlanggefahren und spürte plötzlich einen extrem stechenden Schmerz. Selbst in starkem Licht konnte ich kaum etwas erkennen, nur einen winzigen Splitter habe ich gefunden, eher eben eine Faser, dünner als ein Haar und kaum sichtbar. Die habe ich vorsichtig herausgezogen, aber entweder sie ist abgebrochen oder war nicht die einzige, denn seit dem tut der Finger regelmässig immer wieder weh, wenn ich ihn in bestimmter Weise berühre oder irgend etwas damit tue. Es muss also noch was unter der Haut stecken – aber wie bekomme ich das raus? Es ist überhaupt nichts zu sehen davon, an einer Stelle hat sich die Haut minimal gerötet, ist aber kaum zu erkennen, ansonsten habe ich keinerlei Anhaltspunkte wo die Splitter sind. Was kann ich also dagegen tun? Muss ich warten, bis das rausgewachsen ist? Wächst so etwas überhaupt heraus oder wandert das nur tiefer, wenn man nichts unternimmt? Aber ich kann mir ja schlecht die Fingerkuppe amputieren…” 
Er ging zum Arzt und schrieb: “Jetzt war ich beim Arzt, und der sagte, da kann man herzlich wenig machen. Es ist nicht sichtbar und lässt sich räumlich nicht genug eingrenzen, so dass man zu viel wegschneiden müsste. So kann man nur darauf warten, dass es rauswächst. Wenn es eitern würde ginge es wohl schneller, sagte er, nur “leider” eitert es nicht… scheint sich kein bisschen zu entzünden… Naja, er sagt weiter es könnte in 7 bis 10 Tagen rausgewachsen sein… Hoffentlich! Das tut echt ganz schön weh… .”  

Die Unfälle an Windkraftanlagen sind nicht selten. Sie werden, so weit sie überhaupt bekannt werden, von Windkraftgegnern statistisch erfasst. Eine Linksammlung zu diversen WKA-Unfällen gibt einen genaueren Überblick über die Unfallrisiken von Windkraftanlagen.

Nach dem Abschluss der Untersuchungen, die einige Zeit dauern könnten, soll die beschädigte Anlage „schnellstmöglich repariert und in Betrieb genommen werden.” Hierfür muss dann jedoch zunächst der Kreis Paderborn eine Genehmigung erteilen.

 

Kreis lehnt geforderten Baustopp ab

Borchens Bürgermeister Reiner Allerdissen fordert bis zur Klärung der Unfallursache und wegen der offensichtlichen Gefahr für Anlagen im Gebiet der Gemeinde Borchen einen sofortigen Baustopp. Der Kreis Paderborn erteilte als Genehmigungsbehörde eine klare Absage.

 

Titelfoto: BI Gegenwind Borchen

Nachtrag, 11.03.18
Die Bürgerinitiative Gegenwind Borchen informiert, dass sie Teile auf einer Wiese gefunden haben, die gut 800m von der Anlage entfernt sei. 

Sogar diese schon recht großen Teile seien 800m weit geschleudert worden!

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