Herdenimmunität

Herdenimmunität senkt das Infektionsrisiko

Sunetra Gupta ist Mitautorin der Erklärung von Great Barrington. Sie begründet ihre Annahme, dass durch Herdenimmunität das Infektionsrisiko sinkt. Impfungen gegen das Corona-19-Virus können die Bildung der Herdenimmunität unterstützen, die Krankheit aber nicht beseitigen. Diese Auffassung stieß unter anderem bei Matt Hancock, Gesundheitsminister von Großbritannien, auf Kritik. Mit seiner Auffassung, Herdenimmunität sei ein fehlerhaftes Ziel, setzt sich die Epidemiologin Dr. Sunetra Gupta, Professorin an der Universität Oxford, in einem Artikel, der zuerst von UnHerd* veröffentlicht wurde, auseinander.

Erklärung von Great Barrington

Der Text der Erklärung von Great Barrington wurde auch in deutscher Sprache verfasst. Über die Herdenimmunität heißt es in der Erklärung:

„In dem Maße, wie sich die Immunität in der Bevölkerung aufbaut, sinkt das Infektionsrisiko für alle – auch für die gefährdeten Personengruppen. Wir wissen, dass alle Populationen schließlich eine Herdenimmunität erreichen – d.h. den Punkt, an dem die Rate der Neuinfektionen stabil ist. Dies kann durch einen Impfstoff unterstützt werden, ist aber nicht davon abhängig. Unser Ziel sollte daher sein, die Mortalität und den sozialen Schaden zu minimieren, bis wir eine Herdenimmunität erreichen.“ 

Der Gesundheitsminister von Großbritannien, Matt Hancock, widerspricht diesem Gedanken. Er sagt: „Viele Krankheiten erreichen nie die Herdenimmunität – einschließlich Masern, Malaria, AIDS und Grippe …“. „Herdenimmunität ist ein fehlerhaftes Ziel – selbst wenn wir es erreichen könnten, was wir nicht können.“

Sunetra Gupta geht auf die Argumente ein:

Masern sind für die Epidemiologin eher ein Beleg für das Vorhandensein einer Herdenimmunität. Gäbe es sie nicht, würden viele Babys sterben. Denn der Impfstoff wirke bei Babys im ersten Lebensjahr nicht. Dass Masern aber eine Population zerstören können, wenn sie auf „jungfräulichem Boden“ ankommen, habe sich in Tahiti und Moorea sowie im Südosten und Nordwesten von Marquesas gezeigt, wo zwischen 20% und 70% der Bevölkerung durch die erste Epidemie starben.

Eine natürliche Infektion mit Masern biete lebenslange Immunität, sagt Sunetra Gupta. Der Impfstoff biete einen ähnlich soliden und dauerhaften Schutz. Die Krankheit sei zwar nicht beseitigt worden, aber die hohe Anzahl der Geimpften halte das Infektionsrisiko gering.

Malaria sei ein Hauptschwerpunkt ihrer Forschung, sagt Sunetra Gupta. Es gebe mindestens 60 verschiedene Varianten, mit denen sich der Erreger vor einem Immunangriff tarnen kann. In der Regel werde bei der ersten Infektion eine ausreichende Immunität erreicht, um bei weiteren Angriffen keine schweren Krankheiten und Todesfälle zu erleiden. Es sei schwierig gewesen, einen Malaria-Impfstoff herzustellen, der seine gesamte Vielfalt abdeckt, sagt die Epidemiologin. Für Covid-19 sieht sie jedoch kein Problem.

AIDS werde durch das Humane Immundefizienz-Virus (HIV) verursacht. Es besitze eine außergewöhnliche Fähigkeit, das Outfit im Verlauf der Infektion zu wechseln und zusammen mit anderen Mechanismen die Immunantwort zu untergraben. „Trotzdem verlangsamt sich die Infektionsrate, da dem Virus die zu infizierenden Personen ausgehen“, sagt Sunetra Gupta.

Influenza habe ebenfalls die Möglichkeit, ihr Outfit zu ändern, sagt die Wissenschaftlerin. In regelmäßigen Abständen trete ein neuer Stamm auf, der einen neuen Impfstoff erfordere. Dieses Problem sieht Sunetra Gupta „angesichts der Natur der Coronaviren“ bei dem SARS-Cov-2-Virus nicht.

Das Covid-19-Virus gehört zu einer Familie von Viren, die laut Sunetra Gupta normalerweise keine lebenslange Immunität gegen Infektionen bieten. Es gebe noch vier andere „saisonale“ Coronaviren, die derzeit im Umlauf sind, sagt sie. „Diese Viren können in Hochrisikogruppen zum Tod führen oder erfordern, dass sie auf der Intensivstation betreut oder beatmet werden. Es ist also nicht unbedingt richtig, dass sie an sich milder sind als das neuartige Covid-19-Virus. Und wie das Covid-19-Virus sind sie bei gesunden älteren und jüngeren Menschen viel weniger virulent als Influenza.“

Ein wichtiger Grund, warum diese Corona-Verwandten ​​nicht viele Menschen töten, obwohl wir die Immunität verlieren und wieder infiziert werden können, sei der immer noch ausreichende Anteil an Immunpersonen in der Bevölkerung.

Gemeinsamkeiten aller Coronaviren

Sunetra Gupta zufolge haben alle im Umlauf befindlichen Coronaviren – einschließlich des Covid-19-Virus – einige Gemeinsamkeiten. Das bedeutet, dass ein vorhandenes Coronavirus wahrscheinlich einen gewissen Schutz gegen andere Coronaviren bietet. Dies werde durch die Arbeit in vielen Labors, einschließlich ihres Labors in Oxford, immer deutlicher.

Herdenimmunität gibt es bereits

Die Herdenimmunität ist eine kontinuierliche Variable, die zunimmt, wenn Menschen immun werden, und abnimmt, wenn sie die Immunität verlieren oder sterben, sagt Sunetra Gupta. Es gebe noch keine klare Vorstellung davon, wie hoch die der Herdenimmunität, ab der die Rate neuer Infektionen zu sinken beginnt, ist. Der Grund ist, dass sich das Covid-19-Virus unter Menschen ausbreitet, die dafür anfällig sind, Menschen, die Immunität gegen sie aufgebaut haben, und Menschen, die Immunität gegen andere Coronaviren haben.

Leider können wir nicht genau sagen, wie viele Menschen tatsächlich dem neuen Virus ausgesetzt waren oder wie viele Menschen anfangs resistent waren. Wir können auf Antikörper testen – und mein Labor in Oxford tut dies seit Anfang April -, aber wie bei anderen Coronaviren sinken die Covid-19-Antikörperspiegel nach der Genesung, und einige Leute stellen sie überhaupt nicht her, und somit werden uns die Antikörper keine Antwort geben.“

Es häufen sich immer mehr Beweise dafür, dass andere Immunitätsarme wie T-Zellen eine wichtige Rolle spielen, sagt Sunetra Gupta.

Hinweise darauf, dass es keine Veränderungen der Todes- und Infektionskurven in verschiedenen Teilen der Welt gebe, sobald die Interventionen gelockert wurden, zeigen, dass es eine Herdenimmunitätsschwelle gibt, sagt die Wissenschaftlerin. Sie gibt zu bedenken, „dass das Erreichen der Herdenimmunitätsschwelle nicht zur Ausrottung der Krankheit führt. Stattdessen entspricht es einem Gleichgewichtszustand, in dem die Infektionen in der Gemeinschaft auf niedrigem Niveau verweilen. Dies ist die Situation, die wir für die meisten Infektionskrankheiten tolerieren (wie die Grippe, an der jedes Jahr weltweit 650.000 Menschen sterben).“ Selbst mit einem guten Impfstoff sei es schwierig, die Krankheit zu beseitigen.

Normales Leben für die Mehrheit – Schutz für die Schutzbedürftigen

Aus eigener Laborerfahrung weiß Sunetra Gupta, dass der als PCR-Test bekannte Test von begrenztem Wert ist, „da er uns nicht sagen kann, ob jemand infektiös ist und die Krankheit weitergeben kann, ob er das Virus hat, es aber nicht weitergeben kann oder ob das Virus tatsächlich durch das Immunsystem zerstört wurde und nur Fragmente übrig bleiben.“

Annahmen darüber, wie viele Menschen infiziert und immun sind, seien deshalb so wichtig, da Entscheidungen im Bereich der öffentlichen Gesundheit auf der Grundlage von Teilinformationen und in einem sich ändernden Umfeld getroffen werden müssen.

Aus diesem Grund schlägt die Erklärung von Great Barrington eine Lösung vor, „die der großen Mehrheit der Bevölkerung keinen großen Schaden zufügt, damit sie ihr normales Leben wieder aufnehmen können, während diejenigen geschützt werden, die anfällig für schwere Krankheiten und Todesfälle sind.“ Unter diesen Umständen werde „sich die Immunität in der Allgemeinbevölkerung auf einem Niveau aufbauen, das ein ausreichend geringes Infektionsrisiko für die gefährdete Bevölkerung darstellt, damit sie ihr normales Leben wieder aufnehmen kann. All dies kann über einen Zeitraum von sechs Monaten geschehen, und so beinhaltet dieser Plan zum gezielten Schutz nicht die dauerhafte Trennung der schutzbedürftigen Personen vom Rest der Bevölkerung.“

Die Ausrichtung der Bemühungen auf Krankenhäuser und Pflegeheime sei eine offensichtliche Priorität. „Andere Teile des Problems – wie der Schutz schutzbedürftiger Personen in familiären Umgebungen – erfordern sorgfältige Diskussionen und Überlegungen. Es muss jedoch stets berücksichtigt werden, dass dies vorübergehende Maßnahmen sind und auf lange Sicht mehr Leben retten können als das Ein- und Ausfahren von zerstörerischen Sperrungen.“

AIER führte ein Gespräch mit Dr. Jay Bhattacharya, Dr. Sunetra Gupta und Dr. Martin Kulldorff, warum Herdenimmunität im Kampf gegen Covid-19 und vieles mehr berücksichtigt werden sollte.

* Dr. Sunetra Gupta, Professorin an der Universität Oxford, eine Epidemiologin mit Fachkenntnissen in Immunologie, Impfstoffentwicklung und mathematischer Modellierung von Infektionskrankheiten, Mitautorin der Erklärung von Great Barrington.
**UnHerd erklärt seine seltsamen Schreibweise mit seiner Absicht, zwei Dinge zu tun: „mit neuem und kühnem Denken gegen die Herdenmentalität vorzugehen und eine Plattform für ansonsten ungehörte Ideen, Menschen und Orte zu bieten. Wir denken, dass dieser Ansatz mehr denn je benötigt wird. Die Gesellschaften im Westen sind gespalten und stecken fest, und die etablierten Medien bemühen sich, einen Sinn für das Geschehen zu finden. Die herrschenden Ideologien der vergangenen Generation werden zu oft entweder fraglos verteidigt oder pauschal abgelehnt.“


Titelfoto: Free-Photos, pixabay

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