Diskurshoheit

WDR will Diskurshoheit zurückgewinnen

In einem Beitrag der Sendung „WDR 5 Politikum. Meinungsmagazin“ forderte die Redakteurin Vera Linß die Diskurshoheit für Journalisten zurück.

Politikum wird täglich zweimal 15 Minuten gesendet. Das Programm stellt sich mit rebellischem Schwung vor:

Hier werden die Themen des Tages gegen den Strich gebürstet -- profiliert, kritisch, bissig, spöttisch, zugespitzt. Politikum -- Das Meinungsmagazin bietet Fläche zur Reibung: aus Lust an der Provokation und mit dem Mut zur klaren Meinung.

Klare Meinung

Mutig („positiv, positiv, positiv“) verbreitet Stephan Karkowsky in der Sendung vom 08.01.2020 die aus der Sicht des WDR offenbar mutige Meinung, dass Deutschland im Klimaschutz besser vorangekommen sei als befürchtet. Das habe die Denkfabrik Agora Energiewende ausgerechnet. 36 Prozent weniger Emissionen als 1990 seien erreicht, das „Klassenziel“ 40 Prozent für 2020 nur knapp verfehlt worden. Mit dazu beigetragen habe ausgerechnet der Klimawandel.

Der Sprecher des Bundesverbandes Erneuerbare Energien (BBE) wird mutig zitiert. Mutig deshalb, weil der WDR dem Lobbyverband kostenlose Werbung einräumt, finanziert durch die Gebühren der Zuhörer, obwohl viele von ihnen keine kostenlose Werbung für die Umweltzerstörerindustrie bezahlen möchten. Der BBE habe gesagt, dass die globale Erwärmung zu mehr Wind- und Sonnentagen führe. Brav und mutig übermittelt der WDR die Botschaft. Und weil das so sei, sagt der BBE, konnten die Erneuerbaren 2019 erstmals mehr Strom erzeugen als Atom- und Kohlekraftwerke zusammen.

Pferderennen, Pferd, Jockey, Mauritius

Wirklich mutig wäre es gewesen, wenn der WDR sich den Scherz erlauben würde, diese Information zum Beispiel mit einem Pferderennen zu vergleichen: Höchstleistung auf kurzer Distanz, erschöpfter Zusammenbruch, Höchstleistung beim nächsten Rennen. Dauerleistung gibt es nicht.

Mutig fügt der Redakteur hinzu: „Für den Bundesverband der Energiewirtschaft zeigt das, die Energiewende könne funktionieren, wenn die Politik sie weiter vorantreibt.“

Kritiker sind „rechte Trolle“

Nach Stephan Karkowsky folgt in der Medienkolumne ein weiterer mutiger Beitrag von Vera Linß (Vera -- „die Wahre“). Sie stellt die Frage, ob die Medien auf rechte Attacken im Netz die richtigen Antworten geben. Dass auf das Thema „Energiewende“ bei Politikum das Thema „rechte Attacken“ folgt, überrascht keinen Hörer. Der missionarische Eifer des WDR 5 ist beim Thema Klimawandel bereits eine Legende und für viele Hörer ein Grund, die Gebührenzahlungen zu verweigern.

„Wie wär’s mit einem schönen deutschen Kinderlied?“ fragt Vera Linß und lässt den Kinderchor singen: „Meine Oma fährt im Hühnerstall Motorrad. Das sind tausend Liter Super jeden Monat. Meine Oma ist ne alte Umweltsau!“

Der WDR lässt sich wirklich keine Chance entgehen, seine klare Meinung über den von Menschen verursachten Klimawandel zum Ausdruck zu bringen. Ein wenig Übertreibung -- und schon gilt die Botschaft als Satire. Die Kritik daran ist Kritik an Satire, woran man selbstverständlich die bösartigen Rechten, die den Mitarbeitern des WDR das Leben schwer machen, von den gutartigen Linken unterscheiden kann.

Heute dürfe man solche Späße nicht mehr machen, ohne gleich von „rechten Trollen“ an den Pranger gestellt zu werden, sagt Vera Linß. „Wir brauchen gegen solche Kampagnen dringend bessere Strategien zum Schutz von Satire und Meinungsfreiheit“, sagt sie.

Redakteure des WDR sehen ihre Meinungsfreiheit gefährdet

Vera Linß vergleicht in dem Politikum-Beitrag die Kritik an dem Lied von der Oma-Umweltsau mit einer Reaktion auf einen Tweet der ZDF-Journalistin Nicole Diekmann. Sie hatte vor einem Jahr getwittert: „Nazis ‚raus“. Auf die Nachfrage, wer denn gemeint sei, habe sie damals geantwortet: „Jeder der nicht die Grünen wählt“. Ein Scherz, natürlich.

Der Scherz sei aber nicht bei allen angekommen, sagt Vera Linß. „Die Folge: Hass, Beschimpfungen, Vergewaltigungs- und Morddrohungen innerhalb kürzester Zeit. Ähnlich verlief der Shitstorm um das Satire-Video des WDR Ende des letzten Jahres.“

In dem Video sei der Kinderlieder-Klassiker „Meine Oma fährt im Hühnerstall Motorrad“ doch nur umgedichtet worden, meint Linß. Offenbar versteht sie nicht, dass dem Lied im Kontext der politischen Positionierung des WDR zum Klimawandel und dem ökoindustriellen Komplex eine ganz andere Bedeutung zukommt. Wäre die Umdichtung Satire, würde der Kinderchor eher den WDR wegen seiner einseitigen Fixierung auf die Klimapolitik der Bundesregierung auf die Schippe nehmen, aber nicht deren Kritiker. Dass für die Übermittlung der politischen Botschaft, fälschlicherweise als Satire umgedeutet, Kinder benutzt werden, ist ein weiterer Minuspunkt für den Journalismus im WDR.

Verschmelzung von Kritik und Politik

Linß unterstellt beiden Fällen die Gemeinsamkeit, dass vor allem rechte Accounts die Empörungsmaschine in Gang gesetzt hätten. Diese Unterstellung kann sie nicht belegen, sondern ruft den Spiegel als Kronzeugen auf. Ausgerechnet den Spiegel, der unter anderem in Klimafragen mit dem WDR synchron zu ticken scheint. Dass das Nachrichtenmagazin erst vor wenigen Monaten mit seinem Journalisten und Märchenerzähler Relotius einen Skandal entfacht und danach eine bessere Qualitätskontrolle gelobt hatte, kümmert die Redakteurin nicht.

Linß beruft sich auf den Autor Patrick Stegemann von Spiegel online: „Statt einer ausgefeilten Strategie würden hinter der Empörungsrampe, die rechte Netzwerke aufbauen, vor allem Massen- und Netzwerkeffekte stehen. Es gebe sehr viele rechte Gruppen, so Stegemann, ein rechtes Ökosystem, das die empörungswilligsten Narrative sehr schnell über verschiedene Plattformen hinweg transportiere“. Soziale Medien seien laut Stegemann besonders geeignet für Empörungwellen. Emotionen würden schnell geteilt. Der Journalist Richard Gutjahr werde im Netz gemobbt und bedroht. Damit adäquat umzugehen und Betroffene zügig zu schützen falle offenbar schwer.

Diese Worte, die von linken Netzwerken wie zum Beispiel indymedia weg und auf rechte Netzwerke leuchten, sind Balsam für die geschundene WDR-Journalistenseele.

So verwandelt sich in der Wahnehmung von Vera Linß, im Einklang mit der redaktionellen Linie des WDR, die Kritik an dem „Oma-Lied“ in eine rechte Empörungswelle. Im Weltbild der Journalistin verschmelzen Kritik am WDR und rechte Gesinnung miteinander. Welche Lösung findet sie für ihr Problem?

Linß: „Diskurshoheit zurückgewinnen“

Die klassischen Medien müssten Strategien finden, sagt Vera Linß. Eine mögliche Lösung wäre, den WDR zu einer ausgewogenen Berichterstattung zu ermuntern, die der Kritik an der Hypothese vom menschengemachten Klimawandel und der Klimahysterie ebensoviel Platz einräumt wie der Warnung vor einer angeblichen Klimakatastrophe. Die WDR-Journalistin hat jedoch eine andere Vorstellung von einer neuen Strategie, die keinen Kritiker überzeugen wird.

Vor allem müssten die neuen Strategien Standards setzen für den Fall, dass ein Mitarbeiter im Netz angegriffen wird, sagt Vera Linß. Es gebe viele Vorschläge. Zuallererst aber müsse das Problem der Shitstorms im Netz als solches erkannt und ernst genommen werden, sagt sie. So weit so gut, aber mit welchem Ziel? Die WDR-Journalistin nennt es klar und deutlich:

Nur so lässt sich die Diskurshoheit zurückgewinnen.

WDR 5 Politikum, 08.01.2020

https://www1.wdr.de/mediathek/audio/wdr5/wdr5-politikum-satire/index.html

Diskurshoheit

Der Begriff Diskurshoheit setzt sich aus den Begriffen Diskurs und Hoheit zusammen, wodurch Vera Linß auf zweifache Weise klarstellt, dass es inhaltlich nicht um den Austausch oder die Darlegung unterschiedlicher Argumente geht, sondern um die Meinungsmacht.

Im Unterschied zur Diskussion eignet sich ein Diskurs für eine Verständigung unter Gleichgesinnten. Die Unterdrückung von abweichenden Positionen gilt bei Diskursen als legitim. Die Regeln des Diskurses legt der Diskursleiter fest.

Für die Forderung der Diskurshoheit des WDR gilt, was der Journalist Philipp Greifenstein allgemein über Diskurse sagt: „Skandalös ist demnach nicht, dass bestimmte Positionen bisher keine Rolle spielen, sondern ein vermutetes oder real existierendes Tabu oder Verbot, diese überhaupt zu formulieren.“

Wer „Diskurs“ sagt, müsse auch über Macht nachdenken, fährt Greifenstein fort. Er könne sich, wie es gegenwärtig üblich sei, auf Michel Foucault berufen „und sich als mutiger Kämpfer gegen Tabus und blinde Flecken der Gesellschaft fühlen. Jeder Diskurs aber erschafft neue Wahrheiten, neue Sprechgebote und -verbote.“

Die von Linß geforderte Diskurshoheit manifestiert den Anspruch auf Herrschaft oder Macht. Damit ist auch der Anspruch auf Definitionsmacht verbunden. Das heißt, der Journalist bestimmt, was als wahr und was als falsch zu gelten hat. „Der „Wille zur Macht“ sucht nach dieser Interpretation der Diskurshoheit nicht die argumentative Auseinander­setzung, sondern legt von oben herab fest, was als Wahrheit zu gelten hat. Die Diskurshoheit könne nicht durch bessere Argumente durchbrochen werden, weil Diskurshoheit nicht auf Argumenten basiere.“ (Wikimannia)

Sollte der WDR weiterhin auf Diskurshoheit bestehen, wird er sie in Zukunft auch weiter ausüben können. Allerdings eher unter Gesinnungsfreunden und mit bescheidenerem Etat. Denn die Zahl derer, die einen Anspruch des WDR auf Diskurshoheit ablehnen, verabschieden sich zunehmend von dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Eine Entwicklung, die man nicht unbedingt begrüßen muss, unter den Vorzeichen des Mainstreamings (WBGU 2011) aber befürworten muss.

Rundfunkteilnehmer nennen gute Gründe, dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk die Diskurshoheit zu beschneiden. Wie man das mit minimalem eigenen Risiko machen kann, erklärt der Rechtsanwalt Joachim Steinhöfel (Stand: 31.12.2019): „Beitragsservice“ – Zahlungen einstellen.

Meinolf Keller

Foto: AndyLeungHK, pixabay

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

achtzehn − 11 =